Das karolingische Königreich bis Ludwig dem Frommen

 

Die Entstehung des karolingischen Königtums (751 - 768)

Mit Absegnung durch Papst Zacharias schickte Pippin d. J. den letzten Merowingerkönig Childerich III. ins Kloster und ließ sich 751 in Soisson durch den fränkischen Adel zum König wählen. Jedoch fehlt ihm noch eine religiöse Legitimation - diese erhielt er durch einen päpstlichen Legaten, der ihn zum König salbte.
Dieser Akt begründete die Königsdynastie der Karolinger und war der Beginn einer engen Beziehung des (später besonders des deutschen) Königs und des Papstes, die später noch zu starken Spannungen führen sollte. Für Pippin selber war das aber damals noch nicht absehbar.
Diese besondere Beziehung zum Papst vertiefte Pippin kurz darauf noch weiter. Der Papst sah sich zu dieser Zeit immer stärker durch die Langobarden bedroht, die schon 568 fast ganz Italien unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Nachdem sich der Papst ergebnislos an seinen Schutzherrn, den oströmischen Kaiser, um Hilfe gewendet hatte, besann er sich des mit seiner Hilfe gewählten Königs im Westen und erschien 754 persönlich bei Pippin. Dieser gab dem Papst ein feierliches Schutzversprechen und eine urkundliche Garantie, dass die ehemaligen byzantinischen Gebiete um Ravenna an Rom zurückgegeben werden sollten. Tatsächlich konnte Pippin in zwei darauffolgenden Feldzügen die Langobarden zur Rückgabe dieser Gebiete zwingen. Im Gegenzug wiederholte der Papst die Königssalbung und verlieh Pippin und seinen Söhnen den Titel "Patricius Romanorum" (Schutzherr der Römer).
Diese sogenannte Pippinsche Schenkung bedeutete für den Papst den offiziellen Antritt einer weltlichen Herrschaft und die Gründung des Kirchenstaats, sowie die endgültige Loslösung vom oströmischen Kaisertum.
Langfristig resultierte daraus die Stärkung des päpstlichen Machtverständnisses gegenüber den weltlichen Herrschern. Diese wurde dann später noch durch die angebliche "Konstantinische Schenkung" verstärkt, eine gefälschte Urkunde, die vorgab, schon Kaiser Konstantin habe dem Papst einen kaiserlichen Rang übertragen, sowie ihm Rom und sämtliche Provinzen Italiens und des Westens übertragen. Dieser Anspruch hatte später weitreichende Folgen für das Verhältnis des Papstes zu den weltlichen Herrschern und belastete die europäische Politik für Jahrhunderte.
Für die Könige war die Schenkung der Beginn eines Hauptthemas abendländischer Politik: der "Verteidigung der römischen Kirche", zu der sich die Franken als "auserwähltes Volk" zum "Dienst am Heiligen Petrus" verpflichtet fühlten.

 

Das Frankenreich unter Karl dem Großen (768/71 - 813)

Nach Pippins Tod wurde das Karolingerreich 768 zunächst nach altem Brauch unter dessen zwei Söhne aufgeteilt. Nachdem jedoch einer der Brüder, Karlmann, 771 starb, regierte Karl (später genannt "der Große") allein über das Großreich. In der Folgezeit zeigte er eine extreme Energie, das Reich nicht nur enorm auszuweiten, sondern es auch erstmals zu einer gewissen verwaltungstechnischen Einheit und einer zaghaften kulturellen Blüte zu bringen.
 
Als erstes unterwarf er sich die Langobarden und machte sich zu deren König, wodurch er nun nominell auch über Italien herrschte. 774 legte er sich daher den Titel "König der Franken und Langobarden und Schutzherr der Römer" zu.
Mit der Schenkung seines Vaters an den Papst ging er recht geschickt um. Er bekannte sich zwar zu seinen Verpflichtungen dem Papst gegenüber, grenzte aber das "Patrimonium Petri" auf den Dukat von Rom und das Exarchat von Ravenna ein. Diese beiden Gebiete waren nur durch einen schmalen Korridor verbunden, womit der päpstliche Besitz strategisch äußerst verwundbar war.
Als nächstes ging es Karl darum, die Baiern unter seine Kontrolle zu bekommen. Zwar herrschten hier ursprünglich von den Franken eingesetzte Amtsherzöge, doch diese hatten sich selbstständig gemacht und sich zu Stammesherzögen entwickelt, denen die Unabhängigkeit ihres Stammes wichtiger war als die Loyalität zum Königshaus. Nachdem Karl der Große den bairischen Herzog Tassilo 788 abgesetzt hatte, verlor Baiern nun vollends seine Souveränität und wurde zu einer fränkischen Grafschaft.
 
Jetzt wendete sich Karl d. Große nach Norden, wo sich das unabhängige, mächtige Herzogtum der Sachsen befand, die noch dem heidnischen Glauben ihrer Ahnen anhingen. Mit einem kleinen Feldzug der Franken in das Herzogtum 772, bei dem die Irminsul - ein zentrales Heiligtum der Sachsen - gefällt wurde, begannen 30 Jahre Krieg, an dessem Ende die Sachsen völlig unterworfen wurden, was mit einer Missionierung einherging. Am Ende des blutigen Krieges, dessen legendärer Höhepunkt die Hinrichtung von 4500 sächsischen Verrätern nach einem Aufstand war, wurde Sachsen zu einer fränkischen Provinz. Herzog Widukind, der Kopf des sächsischen Widerstands, ließ sich taufen. Das Christentum wurde zur Staatsreligion erhoben, ein Kirchenzehnt eingeführt, die Gerichtsbarkeit wurde allein dem fränkischen Grafen unterstellt und Versammlungen im Freien wurden verboten.
 
Jetzt kam durch die Awaren auf das Reich eine gefährliche Bedrohung von außen hinzu. Dieses tatarische Reitervolk, welches sich an der Schwarzmeerküste heimisch gemacht hatte, bedrohte 788 Baiern, Italien und das Frankenreich mit Einfällen. Zur Verbesserung der Abwehr begann Karl d. Große u. a. mit dem Bau eines Kanals, der "Fossa Carolina", welcher Rhein, Main und Donau verbinden sollte; doch die mangelhaften strukturellen und technischen Voraussetzungen ließen das ehrgeizige Projekt bald scheitern.
796 konnte Karls Sohn Pippin die Awaren bezwingen. Es gelang ihm, den Hauptring der Awaren an der Raab (Österreich / Ungarn) einzunehmen und erbeutete den sagenhaften Awarenschatz. Die awarischen Stammesfürsten wurden nun Dienstmannen Karl d. Großen und ihr Gebiet wurde fränkischer Verwaltung unterstellt: es entstand die Pannonische Mark, die später einem eigenen Markgrafen unterstellt wurde, dem zudem auch Kärnten unterstand.
 
Grenzsicherung
Um die Grenzen seines Reiches effektiver zu sichern richtete Karl d. Gr. in den gefährdeten Grenzregionen ein System von Marken als Pufferzonen ein; so an der Grenze zu den Slawen, Dänen, Awaren und Arabern und baute eine Flotte auf.
 
Handel
Neben den traditionellen Nord-Süd Handelsrouten wurde nun der Ost-West Handel von den slawischen Gebieten über die Handelszentren Köln und Mainz bis Spanien wichtig. Gehandelt wurden fränkische Waffen, Textilien, Töpfer- und Glaswaren gegen Felle, Pelz, Honig, Wachs und Sklaven aus dem Osten. Um die Handelswege vor Überfällen zu schützen wurden Kastelle und Grenzstationen eingerichtet.
 
Die Kaiserkrönung Karl des Großen
Besonders unter dem 795 gewählten Papst Leo III. löste sich das Papsttum immer stärker vom oströmischen Reich. Als Leo III. durch die römische Adelsopposition aus Rom verjagt wurde, suchte er daher beim fränkischen König Schutz.
Dieser eilte nach Italien und setzte den Papst wieder ein. Am 25. Dezember 800 folgte darauf in Rom ein denkwürdiges Ereignis, auf das Karl der Grosse angeblich gar nicht vorbereitet war: als der König vorm Altar betete, setzte ihm der Papst die Kaiserkrone auf und machte ihn so zum Nachfolger der römischen Kaiser. Dieser Akt des Papstes ist im Zusammenhang mit der Entfremdung des Papsttums von Ostrom zu sehen, welches ja als rechtmäßiger Nachfolger des römischen Imperiums auftrat.
Karl trug nun in seiner Kaiserbulle die Losung "Renovatio Romani imperii" - Erneuerer des römischen Reiches, womit jedoch nicht die Wiedererweckung des römischen Imperiums gemeint war, sondern sie Schaffung eines neuen, christlichen, unter fränkischer Herrschaft. Neben dem Titel des Königs über Franken und Langobarden führte der fränkische König nun auch den Kaisertitel und betrachtete sich als dem oströmischen Kaiser völlig gleichgestellt.
 
Karl der Große als "Führer des Gottesstaates"
Karl, dessen Riesenreich fast ganz West- und Zentraleuropa umfasste, sah sich auch als christliche Autorität - nach seiner Auslegung der Werke des Kirchenvaters Augustinus bekleidete er die Rolle als Führer und Verteidiger eines Gottesstaates auf Erden. Dem Papst gegenüber sah er sich gleichgestellt; einen Konflikt um die Vorherrschaft über die Christenheit gab es damals noch nicht; beide waren von Gott eingesetzt.
In religiösen Fragen fällte Karl vom Papst eigenständige Entscheidungen; so verwarf z. Bsp. eine Synode unter seinem Vorsitz 794 den Beschluß von Nicäa im Bilderstreit.
Karl d. Gr. ließ der Kirche Schutz und materielle Unterstützung angedeihen und förderte die Ausbreitung des Christentums, andererseits geriet damit aber die fränkische Kirche in enge Abhängigkeit zum König und Kaiser. Für die Zukunft entstand damit eine im der mittelalterlichen Geschichte des westlichen Europas einmalige Kirchenhoheit des weltlichen Oberherrschers.
Der geistliche Stand spielte eine große Rolle für die Entwicklung eines Verwaltungswesens, für das kulturelle Leben im Reich sowie am Hofe und bei der Selbstdarstellung des Kaisers. Klöster bildeten Inseln kulturellen Lebens und kaiserlicher Gegenwart in dem riesigen, kaum gegliederten Reich. Karl d. Gr. bemühte sich um den Aufbau eines Bildungswesens, dessen Zentren die Klöster waren und der Förderung von begabten Nachwuchs. Mit der Hofschule des Kaisers entstand eine Art Akademie, an der die klügsten Köpfe des Landes arbeiteten.
Als christlicher Herrscher bemühte sich der Kaiser auch um einen allseitigen und einheitlichen Gottesdienst und ließ seine Untertanen auf den christlichen Glauben vereidigen.
 
Aufbau einer neuen Reichsverwaltung
Um so ein riesiges Reich zusammenzuhalten wurde eine effektive Verwaltung und Rechtssprechung benötigt. Karl der Große richtete daher Grafschaften als neue Verwaltungseinheiten ein, welche an Stelle der Herzsogtümer traten. Im Gegensatz zu den erblich gewordenen Herzogtümern, war der Graf ein vom Kaiser direkt eingesetzter Amtsträger, der diesem daher stärker verpflichtet war.
Auf den Reichsversammlungen wurden durch Adel und Kaiser allgemein verbindliche Reichsgesetze (Kapitularien) erlassen. Zudem führte Karl der Große eine Treuepflicht zu Kirche, Recht, öffentliche Autoriät und Waffenpflicht für jeden seiner Untertanen ein. Die alten Stammensrechte blieben jedoch ansonsten im wesentlichen erhalten, so dass keine einheitliche Rechtssprechung bestand.
Zur Kontrolle der Verwaltung wurde das Amt der Königsboten eingerichtet, welches jeweils von einer weltlichen und ein geistlichen Person auf Lebenszeit bekleidet wurde. Ihre Aufgabe bestand darin, die Grafschaften eines bestimmten Gebiets zu bereisen, um dort die Bischöfe und Grafen bei ihrer Amtsausübung zu kontrollieren und königliche Anordnungen auszuführen.
Diese Maßnahmen waren der (langfristig gescheiterte) Versuch, eine mehr oder weniger auf Loyalität gegründete Reichseinheit durch eine zentrale Verwaltung aufrechtzuerhalten und zu festigen. Trotzdem bestand im Reich weiterhin eine Adelsherschaft, bei der der König nur "primus inter pares" - Erster unter Gleichen - war. Langfristig gelangten die Grafen auch wieder zu einer wachsenden Eigenständigkeit, die ihrem Amt letztlich wieder zur Erblichkeit verhalf.
 
Reform der Rechtsprechung
Karl der Große bemühte sich darüber hinaus, die allgemeine Rechtssprechung zu verbessern. So wurde unter ihm der Grundstein zur Schöffengerichtsbarkeit gelegt, indem die bisher geltende allgemeine Erscheinungspflicht beim Thing (wo Rechtsurteile gefällt wurden) stark eingeschränkt und die Rechtsprechung in die Hände von wirtschaftlich unabhängigen, erfahrenen und vereidigten Männern gelegt wurde.
Zudem wurden "Rügezeugen" eingesetzt, die verpflichtet waren, Straftaten innerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs anzuzeigen, um somit die Aufklärung von Verbrechen zu verbessern und der Selbsthilfe in Form von Fehde und Blutrache entgegen zu wirken.
 
Heeresreform
Die Heerbannpflicht wurde von einer Mindestbesitzgröße abhängig gemacht und für Minderbemittelte der "Gestellungsverband" eingerichtet, bei dem ein Kämpfer je durch mehrere Kleinbauern ausgestattet wurde. Dadurch wurde zum einen eine gute Ausstattung des Heeresverbands gesichert, zum anderen wurden dadurch die Bauern als Nahrungsproduzenten besser geschützt.

 

Ludwig der Fromme (813 - 840)

Nach dem Tod Karl des Großen 813 kam es zunächst zu einem reibungslosen Übergang der Herrschaftsgewalt an seinen Sohn Ludwig. Karl hatte für seine Nachfolge gut vorgesorgt, indem er schon zu Lebzeiten seinen Sohn hatte zum Mitregenten krönen lassen. Dass das Reich jedoch nicht, wie zuvor üblich, unter verschiedene Erben aufgeteilt wurde, war nur dem Umstand zu verdanken, dass der greise Kaiser seine sonstigen Söhne überlebt hatte.
816 ließ sich Ludwig vom Papst ein zweites mal krönen. Ludwig war ein überaus frommer Herrscher, der sich mit Geistlichen umgab und sich bemühte, alle "unchristlichen" Elemente von seinem Hof zu verbannen (u. a. fiel seinem Eifer leider auch eine Sammlung alter Heldenlieder, die sein Vater hatte zusammentragen und aufzeichnen lassen, zum Opfer).
Mit Unterstützung seines engen Beraters, dem südfranzösischen Abt Benedikt von Aniane, führte der König eine strenge Reform des Klosterwesens und des Lebens der Weltgeitlichkeit durch, die den Alltag der Geistlichkeit bis ins kleinste regeln sollte.
 
Die Einheit des Reiches
Die guten Beziehungen mit dem Klerus erstreckten sich auch auf die Frage der Reichseinheit. Wie Ludwig wünschte auch die Kirche, die Einheit des Frankenreiches aufrecht zu erhalten, um damit die Einheit der Christenheit innerhalb des fränkischen Reiches verwirklichen zu können.
Bisher war die Nachfolge so geregelt, dass jeder Sohn ein gleiches Recht auf das Erbe hatte. Dem lag das Prinzip des Königsheil zu Grunde, nach dem alle Söhne eines Königs gleichermaßen ein gewisses Charisma in sich trugen, welches sie über die übrigen Sterblichen hinaushob.
Ludwig, der jedoch die Einheit des Reiches erhalten wollte, versuchte nun die Individualsukzession einzuführen - also die alleinige Nachfolge eines seiner Söhne. In einer Reichsordnung von 817 erklärte er daher seinen Sohn Lothar zum alleinigen Nachfolger und ließ ihn zum Mitkaiser krönen. Die übrigen Söhne erhielten nur den Titel eines Königs und ein kleines Teilreich; Pippin Aquitanien und Ludwig Baiern. Beide sollten unter absoluter Oberhoheit des Bruders stehen.
Als dem Kaiser jedoch 823 von seiner zweiten Frau Judith ein weiterer Sohn geboren wurde, war diese Erbfolge in Frage gestellt. Judith brachte Ludwig dazu, seine eigene Order zu Gunsten Karls (gen. der Kahle) zu brechen und diesem zum Nachteil seiner Stiefbrüder ein eigenes Erbteil einzuräumen. 829 erhielt Karl vom Teil Lothars das Kerngebiet Schwabens, das Elsaß und Burgund. Widersprüche hatte der Kaiser zuvor brutal ahnden lassen.
830 begann daher der Aufstand der Söhne gegen den Vater, der in dem sog. "Verrat auf dem Lügenfeld" gipfelte, bei dem Ludwig von seinen Getreuen verlassen wurde und den Söhnen ausgeliefert war. Von diesen zu tiefst gedemütigt war es mit seiner Macht zu Ende; er starb 840.
Der nun folgende Bruderkrieg sollte den Zerfall des riesigen Frankenreiches einleuten.

siehe nächstes Kapitell

 

 


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