Das Interregnum und Rudolf von Habsburg

 

 

Das Interregnum - kaiserlose Zeit (1250-1273)

Gegenkönig Graf Wilhelm v. Holland überlebte den letzten staufischen deutschen König, Konrad II., nur um zwei Jahre. Mit dem Untergang der staufischen Familien Friedrichs II. in Sizilien gab es ab 1256 in deutschen Reich keine zentrale politische und administrative Gewalt mehr, denn die Fürsten hatten mit der Wahl eines neuen Königs keine Eile.
Die Fürsten konnten aus dieser königslosen Situation nur profitieren, denn nun herrschten sie völlig eigenständig und ungestört als unabhängige Territorialherren ("domini terrae") über ihre Gebiete; ein König konnte ihnen nur noch als Quelle neuer Privilegien von Nutzen sein.
Auch wenn das Reich nun keineswegs ein rechtsfreier Raum war, blühte doch angesichts einer fehlenden zentralen Polizeigewalt Faustrecht und Raubritterwesen. Bauern und Städte litten unter den egoistischen Interessen der Territorialherren, welche durch willkürliche Zollschranken den handel behinderten, und unter den verarmten Adelsschichten, die zu raubrittern herabgesunken waren. Hier wurden die Weichen für die wirtschaftliche Zerstückelung Deutschlands gestellt, denn die ehemals königlichen Regalien waren zum großen Teil in die Hände der Fürsten übergegangen und blieben auch da.
Zu ihrem Schutz schlossen sich rheinische, westfälische und süddeutsche Städte zum "rheinischen Städtebund" zusammen. Dieser sollte Frieden und Recht wahren, was sonst eigentlich die Aufgabe des Königs war. In Hamburg und Lübeck entstand als Gegenstück ein norddeutscher Städtebund, welcher die Urzelle des hanseatischen Städtebunds darstellte.
Das Papsttum hatte im Machtkampf mit dem Kaisertum die Oberhand behalten - jedoch zum Preis einer schwindenen religiösen Autoriät, da es immer mehr verweltlichte.

 
Die Königswahl wird zum Geschäft - Entstehung des Kurfürstensystems
Die Königswahl wurde nun zum Geschäft von sieben "Kurfürsten", deren Mehrheit die Kandidaten für den Thron durch Bestechung zu gewinnen suchen mussten: Dazu gehörten die Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier, der Herzog von Sachsen, der Pfalzgraf von Rhein, der Markgraf von Brandenburg und (ab 1289) der König von Böhmen, welche sich allmählich in dieser festen Zusammenstellung herauskristallisierten.
Zwei ausländische Kandidaten kauften sich in die deutsche Krone ein, welche das Königtum als Sprungbrett zum Kaisertitel betrachteten: 1257 wurde Richard von Cornwall (Bruder König Heinrich III. von England) zum König gewählt; er trug die deutsche Krone bis 1272, wurde aber nur im Rheinland anerkann; 1258 wurde Alfons von Kastilien, ein entfernter Verwandter der Staufer, mit französischer Unterstützung ebenfalls zum deutschen König gewählt, setzte jedoch nie einen Fuss auf deutschen Boden (womit er dann auch nie gekrönt wurde).
 
Der "goldene König" Ottokar II. von Böhmen
Der mächtigste unter den Reichsfürsten war Ottokar II. Przemysl, König von Böhmen, welcher mütterlicherseits mit den Staufern verwandt war. Als Markgraf von Mähren wurde er 1251 Erbe der Babenberger über Österreich, 1261 gewann er auf dem Schlachtfeld die Steiermark und gelangte 1269 durch Erbfolge an Kärnten; 1270 war er Herrscher über Böhmen, Mähren, Österreich, die Steiermark und Kärnten, sowie Vogt des Erzbistums Salzburg und Vikar aller rechtsrheinischen Länderreien. Sein Machtbereich zeigte damit schon die Grenzen des künftigen Habsburgerreiches, dessen Vorläufer er war. In seinen Auseinandersetzungen mit der ungarischen Stephanskrone zeichnete sich auch schon der habsburgisch-ungarische Dualismus ab.
Ottokar bemühte sich um den Landesausbau in Böhmen. Er warb deutsche Siedler an, welche v.a. in den von ihm (unter Magdeburgischen Städterecht) neugegründeten Städten und im Bergbau die Entwicklung voran treiben sollten; in Kuttenberg und Iglau führte seine Politik zu einer Blüte des Silberbergbaus.
Ottokar unterhielt die glänzendste Hofhaltung in Europa, welche ein Zentrum ritterlicher Kultur wurde. Wegen seiner überragenden Stellung unter den Reichsfürsten hatte er jedoch trotz allem keine Chance auf die Wahl zum König, denn diese wollten auf jeden Fall verhindern, dass ein so mächtiger Herrscher auf den deutschen Thron kam.

 

Rudolf I. von Habsburg (1273-1291)

Mittlerweile drängte der Papst auf die Wahl eines neuen - und etwas tatkräftigeren - deutschen Königs, denn die Anjous in Sizilien wurden ihm mitterweile so gefährlich wie vordem die Normannen, im Kradnialskollegium drohte ein französisches Übergewicht und der französische König versuchte sogar schon, die deutsche Krone an einen Anjou zu verkaufen.
Ein vom Papst verlangtes Kollegium wählte 1273 Graf Rudolf von Habsburg zum König, einen recht erfolgreichen Territorialherrn aus dem schweizerischen Aargau, welcher über das südliche Elsaß, den Breisgau, die Nordschweiz und Südschwaben herrschte.
 
Städte als Stütze des Königs
Rudolf von Schwaben wurde ein beliebter Herrscher mit Sinn für Realität, dessen Hauptziele Frieden im Reich und mit dem Papst waren.
Dessen Vorstellung vom Charakter des Königtums deckte sich wenig mit denen seiner Wähler, um so mehr aber mit denen der Städte. Für deren Treue revangierte sich Rudolf mit Privilegien, den Erlaub von städtischem Lehenserwerb und der Ermutigung von Städtebünden. Somit wollte der König die aufsteigende "dritte macht" der Städte zum Gegengewicht gegen die immer eigenmächtiger handelnden Fürsten aufbauen. Besonders im Oberrheingebiet und Elsaß gründete Rudolf I. viele Reichsstädte, wie z.Bs. Basel (bezw. übertrug schon bestehenden Städten diesen Status) - der König konnte sich längst nicht mehr auf seine Hausmacht stützen und brauchte Städte für Finanzen.
Rudolf gelang es, gegen das Raubritterwesen durchzugreifen und stellte somit den Frieden auf den Landstraßen wieder her.
 
Ottokars Sturz und Machtzuwachs des habsburgischen Hauses
Rudolf I. machte sich als nächstes an die Rückgewinnung von durch die Reichsfürsten ursupierte Königsgüter.
Die Rechtmäßigkeit von Ottokar II. Herrschaft über Österrecih und Kärnten war umstritten - der König bezeichnete sie als nicht legal; besonders der steierische Adel klagte über die böhmische Oberhoheit. 1275 belegte der König daher Ottokar II. mit Acht und Bann und führte 1276 einen Reichskrieg gegen ihn. Ottokar II. war in vielen seiner Länder verhasst, selbst in seinen Stammlanden Böhmen und Mähren hatte er viele Feinde im Adel, und seine Anhänger liefen Rudolf I. in Scharen zu. Auch wenn der König mitterlweile ebenfalls mit schwindenden Ansehen zu kämfen hatte - die Städte klagten über zu viele Steuern, den Fürsten war er zu erfolgreich, für seine Kämpfer hatte er zu wenig Geld - gelang es ihm Ottokar II. in der Schlacht zu besiegen, welcher von seinen steierischen Rittern ermordet wurde.
Ottokars Erblande Böhmen und Mähren gingen an dessen Sohn Wenzel II., welcher mit einer Tochter Rudolf I. vermählt wurde, die übrigen Länder gab Rudolf an seine eigenen Söhne, womit er dem "Leihezwang" bei diesen Reichslehen gerecht wurde. 1283 übernahm Rudolfs Sohn Albrecht die alleinige Herrschaft über diese Länder (Österreich, Steiermark, Kärnten, Krain). Das Resultat des Böhmenkrieges war damit die Grundlage für den Aufstieg des Habsburgerreiches zu einer europäischen Großmacht.
Bei seinem Tod 1291 hatte Rudolf I. jedoch keinen seiner Söhne als Nachfolger etablieren können: der einzige verbliebene Sohn Albrecht war den Fürsten zu mächtig.

 

 


zurück

home

weiter

 

© Ulrike Johnson, 14. Juli 2002