Weg des deutschen König- und Kaisertums in die Krise

 

 

Bürgerkrieg und Thronstreit (1197-1208)

Nach dem Tod Heinrich VI. erhoben sich auf Sizilien die Normannen unter der Führung seiner Witwe Konstanze und vertrieben des Kaisers Vertraute. Konstanze trennte ihre Verbindungen mit dem deutschen Reich und verzichtete zugunsten ihres Sönchens Friedrich auf die sizilianische Krone. Zu dessen Vormund bestimmte sie kurz vor ihrem Tod 1198 den neugewählten Papst Innozenz III.
 
Doppelwahl im deutschen Reich
Der kleine Friedrich II. war zwar noch zu Lebzeiten Heinrich VI. zum König gewählt, aber nicht gekrönt worden. Die staufische Partei krönte nun Phillipp von Schwaben als dessen Vormund zum König. Die welfische Partei nutzte die Gunst der Stunde ohne festen König. Unterstützt durch die niederrheinische Opposition und den englischen König Richard Löwenherz gelang es ihnen, ihren "eigenen" König, Otto IV., auf den Thron zu bringen.
Keiner der Könige war jedoch formell richtig gekrönt worden: entweder am falschen Ort durch die falsche Person oder ohne die richtigen Insignien. Ein Bürgerkrieg brach los und die deutsche Königskrone wurde zum Spielball fremder Mächte.
Innozenz III., der die Höherwertigkeit der Geistlichkeit über die weltlichen Herrscher betonte, dah sich als Schiedsrichter nicht nur im deutschen Thronstreit sondern auch im englisch - französischen Kampf um die Vormachtstellung in Europa, bei dem der deutsche Thronstreit eine wichtige Rolle spielte, da sowohl der englische als auch der französische König versuchten, die deutsche Krone unter ihren Einfluss zu bringen.
Der Papst trat zunächst auf die Seite der Welfen und bannte Phillipp von Schwaben, als jedoch die staufische Partei die Oberhand gewann und England gegen Frankreich eine herbe Niederlage erlitt, begann er die Partei zu wechseln. Doch dann brachte ein plötzliches Ereignis eine unerwartete Entscheidung: der baierische Pfalzgraf Otto von Wittelbach ermordete Phillipp von Schwaben aus persönlichem Rachegefühl und ließ dessen Rivalen Otto IV. als alleinigen König zurück. Dieser wurde 1208 noch einmal von beiden Seiten zum legitimen König gewählt.

 

Otto IV. und Friedrich II. (1208-1214)

Otto IV. gestand dem Papst weitgehende territoriale und kirchenpolitische Veränderungen zu dessen Gunsten zu und wurde dafür 1209 zum Kaiser gekrönt. Der Kaiser kümmerte sich jedoch bald nicht mehr um die Geheimverträge und rüstete zum Kreuzzug gegen Sizilien - päpstliches Lehensgebiet. Darauf verbündete sich der Papst mit deutschen Fürsten und dem französischen König Phillipp II und bannte Otto IV. Mit Zustimmung des Papstes wählten die deutschen Fürsten 1211 den jungen Friedrich II. - nicht zum König, sondern - zum Kaiser.
Friedrich II. zog ins deutsche Reich, um seinen Thron einzunehmen. Auch Otto IV. kehrte eilig ins Reich zurück. Doch Friedrich II., der nur wenige Zeit vor seinem Rivalen anlangte, gelang es die Herzen der oberrheinischen und schwäbischen Städte für sich zu gewinnen und wurde vom Fürstentag noch einmal als legitimer Kaiser bestätigt. Besonders wichtig für die Position des neuen Herrscher war dessen Verbündung mit dem französischen König Phillipp II., denn die endgültige Entscheidung über die Besetzung des deutschen Throns fiel schließlich zwischen England und Frankreich mit der Niederlage der Engländer 1214 im Kampf um deren französische Besitzungen bei Bouvines.

 

Friedrich II. (1212-1250)

 
Kirchepolitik
Als eine seiner ersten Handlungen machte Friedrich II. 1213 auf dem Reichstag in Eger weitgehende Konzessionen an den Papst, indem er auf die im Wormser Konkordat eingeräumten königlichen Rechte gegenüber der deutschen Kirche verzichtete. Damit schwächte er die zukünftigen Kontrollmöglichkeiten des Königtums erheblich und stärkte somit das weltliche und geistliche Fürstentum in seinem Unabhängigkeitsstreben.
 
Päpstliche Politik
Auf dem vierten Lateranskonzil 1215 entschied sich der Papst zu einem verschärften Vorgehen gegen Ketzer.
Zudem wurden Maßnahmen zur Diskrimminierung der jüdischen Bevölkerung beschlossen, welche nun als äußeres Kennzeichen ihres Glaubens Spitzhüte und gelbe Stoffetzen tragen mussten.
Nachdem auch der vierte Kreuzzug (1202-1204) als Geschäftsunternehmen der Republik Venedig banal gescheitert war, rief der Papst zu einem fünften Kreuzzug auf. Innozenz III. starb 1216.
 
1220 ließ Friedrich II. seinen Sohn Heinrich (VII.) von den Fürsten gegen das Zugeständnis weitgehender Rechte zum neuen König wählen. Während sich Friedrich II. selber wenig für die deutschen Geschäfte interessierte und mehr Zeit in Sizilien verbrachte, sollte sein Sohn über die deutschen Angelegenheiten wachen. Noch im selben Jahr wurde Friedirch II. zum Kaiser gekrönt.
 
In Sizilien machte sich der Kaiser an den Aufbau eines Beamtenwesens und gründete zu diesem Zweck eine "Beamtenuniversität" in Neapel.
 
Fünfter Kreuzzug
1227 erhielt Friedrich II. eine Bannandrohung von Papst Gregor IX., da er trotz seines Versprechens immer noch nicht zu einem Kreuzzug aufgebrochen war.
Der Kaiser heirate die - in den Augen der Christen - legitime Erbin von Jerusalem (welches sich immer noch in den Händen der Türken befand), Isabelle von Brienne, welche jedoch - vom Kaiser vernachlässigt - bald nach der Geburt ihres Sohnes Konrad starb.
Als unter Friedrichs Kreuzfahrerheer eine Seuche ausbrach, welche eine weitere Verzögerung der Abreise mit sich brachte, erweckte dies das Misstrauen des Papstes, der den Kaiser mit einem Bannfluch belegte. Dieser zog jedoch trotz allem schließlich doch nach Jerusalem erreichte allein durch Verhandlungen mit dem ebenfalls friedwilligen Sultan Malik al Kamil einen zehnjährigen Waffenstillstand und die Rückgabe der heiligen Stätten in Jerusalem an die Christen.
1229 krönte sich Friedrich II. in einem Akt von Arroganz und Ignoranz der örtlichen Verhältnisse selbst zum König von Jerusalem (das Königtum von Jerusalem war ein Wahlkönigtum, zudem hatte Friedrich als Witwer der Erbin noch lange keine Erbansprüche auf den Thron). Danach kehrte der Kaiser, ohne sich weiter um die labilen Verhältnisse im Heiligen Land zu kümmern, nach Italien zurück. (Mehr dazu...)
 
Mittlerweile hatte der Papst die kaiserlichen Ländereien in Süditalien besetzt und im deutschen Reich Friedrichs Absetzung und die Einleitung von Neuwahlen betrieben. Nur unter erneuten Zugeständnissen an die Kriche konnte der Kaiser 1230 einen Friedensvertrag mit Gregor IX. erreichen.
 
Der Deutsche Ritterorden etabliert sich im Osten
Mit der "Goldbulle von Rimini" übertrug Friedrich II. dem Deutschen Ritterorden 1226 alle von ihnen in Zukunft eroberten Gebiete der heidnischen Pruzzen sowie das Kulmer Land. Unter anderem belohnte er damit die Treue des Großmeisters Hermann von Salza, der dem Kaiser in verschiedenen schwierigen Situationen beigestanden hatte.
 
Krieg zwischen Vater und Sohn und wachsende Fürstenmacht
Im deutschen Reich war der Kaiser mittlerweile kaum noch von Bedeutung. Heinrich (VII.) versuchte sich gegen die immer mächtigeren Fürsten durchzusetzen, indem er versuchte, die deutschen Städte auf seine Seite zu ziehen. Doch die Fürsten erzwangen bald die Rücknahme seiner städtefreundlichen Entscheidungen sowie 1232 die Abfassung eines "statutum in favorem principum" (eines Statuts zum Vorteil der Fürsten), welche ihnen die gleichen Rechte einräumte wie sie die geistlichen Fürsten schon 1220 errungen hatten: Damit verzichtete der König auf alte Regalien, wie Münz- und Geleitrecht sowie das Recht auf Städtegründung im Territorium weltlicher Landesherren. Dies bedeutete die Legalisierung von Praktiken, wie sie sich schon über einen längeren Prozess eingeschliffen hatten.
Die weiterhin städtefreundliche und fürstenfeindliche Politik Heinrich (VII.) passte ebensowenig ins Konzept seines Vaters wie sein Umgang mit der Kirche. So hatte Heinrich im Rahmen eines allgemeinen Landfriedens das zügellose Treiben von Glaubensschnüfflern und Ketzerverbrennern eines um sich greifenden Inquisitionswahns verboten, welcher seine Wurzeln in päpstliche Politik hatte.
Friedrich II. war jedoch der Frieden in Deutschland und die Unterstützung des Papstes für seine italienischen Geschäfte wichtiger als die Durchsetzung von Recht und Ordnung im Reich (in Italien hatten sich die lomardischen Städte nämlich wieder einmal erhoben). Er bannte seinen Sohn und machte sich 1234 auf den Weg über die Alpen. Heinrich verbündete sich daraufhin unvernünftiger Weise mit den Lombarden, den gefährlichsten Feinden des Kaisers. Doch gegen seinen charismatischen Vater hatte er keine Chance. Sein Anhang verflüchtigte sich, 1235 wurde er auf einem Fürstentag in Worms abgesetzt und 1242 nahm er sich in Gefangenschaft selbst das Leben.
 
Durch eine Ehe mit Isabella von England führte Friedrich II. die endgültige Aussöhnung mit dem englischen Königshaus und den Welfen herbei.
Auf dem Fürstentag zu Mainz verkündete er 1235 ein Landfriedensgesetz, welches als erstes dieser Art auch in deutscher Sprache überliefert ist.
1237 ließ er seinen Sohn Konrad in Wien in Nachfolge des gestürzten Heinrich zum König wählen.
 
Feldzug gegen den Papst und die Lombardei
Über die Truppen des erneut aufständig gewordenen Lombardischen Städtebunds gelang dem Kaiser ein Sieg bei Cortennova; er lehnte Zugeständnisse gegen Mailand ab und forderte dessen völlige Unterwerfung. Ein erneuter Kampf endete jedoch mit Friedrich II. Niederlage und der Papst (welcher wegen Friedrichs expansiver Heiratspolitik verärgert war) belegte ihn erneut mit einem Bann. Daraufhin begann ein Propagandekrieg zwischen Papst und Kaiser. Friedrich II. verhinderte ein Konzil der kaiserfeindlichen KirchenfÜrsten zu seiner Absetzung und zog mit einem Heer gegen Gregor IX. Doch da starb der Papst 1241.
 
Der Mongolensturm
Im gleichen Jahr kam es zu einem Ereignis, welches ganz Europa in Angst und Schrecken versetzte: Die Mongolen, deren scheinbar unaufhaltsamen Expansionsdrang mittlerweile die östlichen Vorposten des Abendlandes erreicht hatte, bereiteten einem deutsch-polnischen Ritterheer bei Liegnitz eine katastrophale Niederlage. Angesichts der Schreckensnachrichten von diesem unheimlichen Volk, welches aus dem Nichts gekommen zu sein schien, war in Europa der Glaube weit verbreitet, apokalyptische Völker seien gekommen, um das Abendland zu vernichten.
Nur durch innermongolische Thronstreitigkeiten, welche die Mongolen zum Rückzug nach Asien zwangen, blieb Mitteleuropa verschont. Die Autoritäten des Abendlandes, Kaiser und Papst, lieferten keine Hilfe, denn der Kaiser blieb aus Angst, päpstliche Anhänger könnten ihm wie beim 5. Kreuzzug in den Rücken fallen, passiv, und die Kriche hatte nach dem Tod Gregor IX. zunächst andere Sorgen.
Spätere Päpste schickten jedoch zumindest Gesandschaften aus, um mehr über die Mongolen zu erfahren und sie evt. zum christlichen Glauben zu bekehren.
 
Krise des Königtums - Friedrich II. letzte Jahre
1243 schien man sich nach langwierigen Verhandlungen endlich auf einen Papst geeinigt zu haben, mit dem eine Versöhnung möglich wäre. Der neue Papst, Innozenz IV., war aber bereit in jeder Hinsicht die Politik seines Vorgängers gegen Friedrich II. fortzuführen und ließ diesen 1245 als Kaiser absetzen. Die oppositionellen Reichsfürsten wählten nacheinander zwei Gegenkönige; Graf Wilhelm von Holland wurde schließlich 1248 zum Gegenkönig gekrönt. Im selben Jahr entdeckte Friedrich II. eine Verschwörung, die, unter Mitwisserschaft des Papstes, vorsah, den Kaiser und seinen Schwiegersohn Ezzelino zu ermorden; auch andere Untreue werden in der Umgebung des Kaisers aufgedeckt und grausam bestraft.
1250 starb Friedrich II. inmitten einer krisenhaften Atmosphäre und wurde in Palermo beigesetzt.
 
Das Ende des staufischen Hauses
Auch Konrad, der Nachfolger Friedrich II., starb schon 1254. 1257 ließ sich Friedrichs Sohn Manfred in Sizilien zum König krönen. 1266 belehnte der Papst Clemens IV. Karl von Anjou, Bruder des französischen Königs, mit Sizilien. Dieser schlug Manfred, welcher in der entscheidenden Schlacht fiel. Für dessen Familie bereitete der neue Herrscher über Sizilien ein grausames Ende im Kerker. Der letzte Staufer, Konradin, welcher noch einmal versuchte sich gegen Karl v. Anjou zu erheben, wurde nach seiner Niederlage enthauptet.

 

 


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© Ulrike Johnson, 14. Juli 2002