Serie 2: Kunstwerke erzählen Geschichte
Teil 1: Die Aachener Pfalzkapelle

 

In Aachen kann man noch heute eines der ältesten und beeindruckendsten Bauwerke Deutschlands bewundern: die Aachener Pfalzkapelle. Gebaut wurde sie zwischen 796 und 805 als ein Teil der königlichen Pfalz Karl des Großen. Mit dieser Kapelle setzte Karl der Große sich und seinem Frankenreich ein bauliches Denkmal in einer Größenordnung, wie es sie seit dem Fall des römischen Imperiums in Europa nicht mehr gab. Es steht damit vor Beginn einer neuen Kulturepoche - der des Mittelalters.

 

In den Wirren der Völkerwanderung und unter der Herrschaft der Merowinger war im Frankenreich und im übrigen Mitteleuropa wenig gebaut worden, was von Bestand war. Der Fall des römischen Imperiums hatte hier ein kulturelles Vakuum hinterlassen, welches in der chaotischen Zeit, die folgte, nicht ausgefüllt werden konnte. Die römischen Städte, die sich bis zum unteren Lauf des Rhein hinauf und bis nach Britannien verteilten, zerfielen langsam.

Das begann sich zu ändern mit dem Aufstieg einer neuen Königsdynastie, der Karolinger. Diese bauten das Frankenreich zu einem neuen Riesenreich aus, welches auf seinem Höhepunkt unter Karl dem Großen im 8. und 9. Jahrhundert einen Großteil von West- und Mitteleuropa umfasste. Als sich dieser Karl der Große Weihnachten des Jahres 800 zum ersten Kaiser krönen ließ, begründete er den Anspruch des deutschen Königtums, Nachfolger der römischen Cäsaren zu sein; einen Anspruch, den bisher nur die oströmischen Kaiser in Byzanz (heute: Istambul) vertraten.

Die Größe eines solchen Reiches musste sich natürlich auch sichtbar in kulturellen Schöpfungen beweisen. Diese manifestierte sich unter Karl dem Großen nicht nur in einer neuen Blüte von Bildung, Schriftwesen und Verwaltung, sondern auch in der Kunst und in imposanten Bauwerken. Die Pfalzkapelle hat in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung: sie sollte die Bedeutung des neuen christlichen Imperiums optisch sichtbar werden lassen.

Die königliche Kapelle ist ein Zentralbau. In seiner Mitte erhebt sich über einem achteckigen Grundriss ein hoher Schacht, um den mehrstöckiger Umgang gelegt ist, der sich zur Mitte hin durch Bögen mit eingestellten Säulen öffnet. Formen und Maße des Baus sind mit Symbolik beladen: sie sollten die Rolle des Königs als Mittler zwischen der Weltlichen und Geistlichen Sphäre verdeutlichen. Karl der Große verstand sich als ein neuer christlicher "Cäsar", und als solcher den heidnischen römischen Cäsaren überlegen und dem byzantinischen Kaiser ebenbürtig. In dieser Funktion verstand er sich sowohl als weltlicher Herrscher als auch als Vertreter Gottes auf Erden.

Der Anspruch auf Nachfolgeschaft der römischen Kaiser verkörpert sich in der Architektur der Kapelle durch die Aufnahme römischer und byzantinischer Formen. Als direktes Vorbild diente die Kirche San Vitale in Ravenna aus dem 6. Jahrhundert. Und einige Teile der Kapelle sind tatsächlich römisch antik: Karl ließ antike Säulen aus Italien bringen und in Kapelle einbauen. Den Stil der Kunstwerke, die zur Zeit Karl des Großen entstanden bezeichnet man daher häufig auch als "Karolingische Renaissance", weil er sich die römische und byzantinische Kunst zum Vorbild nimmt.

Von einer "Wiedergeburt" römischer Kunst und Kultur kann aber bei der karolingischen Kunst trotzdem keine Rede sein, denn sie steht auch am Anfang einer ganz neuen kulturellen Epoche, des Mittelalters. Nach dem Zerfall des fränkischen Großreiches sollte es bis zum Entstehen der Romanik noch einmal 100 Jahre dauern, bis in der Kunst ein völlig neuer Stil begründet wurde, der mit der römischen Kunst nicht mehr viel gemein hatte. Die wenigen erhaltenen Zeugnisse karolingischer Kunst stehen dabei als Bindeglied zwischen verschiedenen Zeitaltern und Kulturen: Rom, Völkerwanderung und Mittelalter.

 

Links

Offizielle Seite des Aachener Doms
Informationen zur Baugeschichte.

Der Aachener Dom
Noch mehr zur Baugeschichte

Ergebniss Encarta zu "Aachener Dom"
Hier findet man auch einige Infos zu geschichtlichen Hintergründen.

Kloster Lorsch
Die die sogenannte Königshalle des ehemaligen Kloster Lorsch gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der karolingischen Renaissance. Seite des Landesamt für Denkmalpflege Hessen.

Die Einhardsbasilika

 

Wussten Sie schon,

dass die (vom Ursprungsbau her) älteste Kirche in Deutschland der Trierer Dom ist?

Der Ursprungsbau des jetzigen Domes wurde 330 auf den Mauern einer kaiserlichen Palastanlage gebaut. Von dieser gewaltigen römischen Kirche ist im heutigen Dom jedoch nur noch ein Kern erhalten, der Rest stammt aus romanischer und späterer Zeit.
Die älteste noch relativ vollständig erhaltene Kirche in Deutschland ist dagegen (neben der Aachener Pfalzkapelle) wohl die Einhardsbasilika in Michelsstadt im Odenwald. Diese Kirche wurde im Auftrag des Beraters und Biographen Karls des Großen, des berühmten Einhard, erbaut und wurde 827 vollendet.
Noch älter ist die Klosterkirche in Müstair in Graubünden, die um 800 entstand (vielleicht 790 durch Karl den Großen geweiht), nicht zuletzt berühmt wegen ihrer karolingischen Fresken.

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net