Das Puzzle von Assisi

 

Vor vier Jahren, am 26. September 1997, erschütterte um 11.42 Uhr ein starkes Erdbeben die italienischen Provinzen Umbrien und Marken. Ganze Dörfer stürzten ein, viele wertvolle Bau- und Kunstdenkmäler kamen zu Schaden. In der Basilika San Francesco Assisi wurden vier Menschen erschlagen, als innerer Gewölbeteilen mitsamt der darauf angebrachten wertvollen Fresken von Giotto und Cimabue zu Boden stürzten. Nach der Tragödie begann für Restauratoren eine Sissifuß-Arbeit, um zu retten, was noch zu retten war.

 

Die Kirche San Franceso in Assisi beherbergt die Gebeine des Heiligen Franziskus - eines der wichtigsten und populärsten Heiligen der katholischen Kirche. Als am 17. Juli 1128, zwei Jahre nach dessen Tod, seine Heiligsprechung erfolgte, legte Papst Gregor IX. am selben Tag den Grundstein zum Bau einer Grabeskirche zu Ehren des Heiligen.

Zuerst erfolgte der Bau der romanischen Unterkirche, die das Grab des Heiligen Franziskus enthält, 1236 begannen dann darüber die Bauarbeiten der Oberkirche im gotischen Stil. Im Jahr 1253 konnten beide Kirchen geweiht werden. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Kirche dann noch mehrfach baulich verändert und erweitert.

Die bedeutendsten Kunstwerke der Kirche sind ihre Fresken, die zwischen der 2. Hälfte des 13. und Beginn des 14. Jahrhunderts von den berühmtesten Künstlern der Zeit angefertigt wurden. Die Fresken stellen einen Meilenstein in der italienischen Malerei im Übergang zur Frührenaissance dar.

Als erstes wurden die Fresken in der Oberkirche ausgeführt, deren Leitung später dem berühmten Cimabue übergeben wurde. Später wurde hier auch der junge Giotto beschäftigt, der mit dem Zyklus der Franziskuslegende im unteren Teil der Schiffswand den herausragendsten Teil des Ensembles schuf. Die Ausmalung der Unterkirche begann etwas später; hier wirkten verschiedene bedeutende Malerpersönlichkeiten.

Im Herbst des Jahres 1997 geriet die Grabeskirche des Heiligen Franziskus in Assisi in den Brennpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit. In der Oberkirche der Basilika waren durch ein Jahrhunderterdbeben einige unersetzliche Meisterwerke der Frührenaissance verloren gegangen und niemand wusste so recht, was und wie viel davon das Unglück überlebt hatte.

Rund 200 Quadratmeter Fresken waren durch die Erschütterung, zu kleinen Fragmenten zermahlen, zu Boden gestürzt. Die Bilder eines zufällig anwesenden Kameramanns, der den Einsturz filmte, ließen nicht gerade Hoffnung aufkommen. Sie zeigten eine gewaltige Wolke pulverisierten Putzes.

Gleich nach der Tragödie begannen eilig herbeigeeilte Helfer mit der Rettung dessen, was noch nicht zerstört war. Schnelles Handeln konnte den Rest der Kirche vor dem weiteren Einsturz bewahren.

Die Unterkirche, in der sich das Grab des Heiligen Franziskus befindet, zeigte sich zum Glück weitgehend unversehrt und konnte bald wieder für Besucher geöffnet werden. In der Oberkirche sah es ernster aus. Die gesamte Tragweite der Schäden wurde hier erst nach und nach sichtbar.

Ein großer Teil der Wandmalerein war zum Glück noch relativ gut erhalten, darunter auch der berühmteste Teil der Fresken, die Franziskuslegende von Giotto. Die herabgestürzten Teile der zerstörten Fresken wurden sorgfältig gesammelt; Experten versuchen nun die Fresken wie ein Puzzle wieder zusammensetzen - eine mühsame, in einigen besonders schweren Fällen fast aussichtslos erscheinende Aufgabe. Ein speziell entwickeltes Softwareprogramm soll den Restauratoren in diesen Fällen zur Hand gehen und die Rekonstruktion zumindest zum Teil ermöglichen.

Ob die Oberkirche mittlerweile auch schon wieder geöffnet ist, war über das Internet leider nicht zu erfahren. Eigenartigerweise findet man auf keinem der Online-Stadtführer von Assisi einen Hinweis auf das Erdbeben und seine Folgen.

 

Links

Basilica San Francesco
Offizielle Seite der Kirche unter anderem mit Informationen zu Geschichte und Kunst.

Bilder von Giottos Fresken in San Francesco (engl.)
Diese Seite auf den Seiten des Vatikan gehört zu einer Bildpräsentation von Giotto's wichtigsten Werken.
Assisi online
Artikel zur Baugeschichte von San Franceso auf den Seiten eines Stadtführers von Assisi. Von dem Erdbeben ist nirgendwo die Rede. Überhaupt ist über keinen der Online-Stadtführer zu Assisi etwas über den aktuellen Zustand der Kirche herauszubekommen.

CNN: Beginn der Restaurierungsarbeiten (engl.)
Dieser Artikel von September 1997 gibt einen Einblick in die damals anlaufendenden Restaurierungsarbeiten an San Francesco.

When software rescues a fresco (CNN)
Artikel über den Versuch einer Software gestützten Rekonstruktion einiger Fresken von San Francesco.

 

Wussten Sie schon,

dass ein mittelalterlichen Erdbebens in Norditalien 1117 fast sämtliche Kirchen zerstörte?

Erdbeben sind in Italien keine Seltenheit. In Norditalien gibt es zum Beispiel kaum ein vollständiges Bauwerk aus dem 11. Jahrhundert, da ein gewaltiges Beben zu Beginn des 12. Jahrhunderts alle größeren Gebäude einstürzen ließ oder beschädigte. In der Poebene überlebte einzig der damals noch unvollendete Dom von Modena die Naturkatastrophe.

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net