Serie 2: Kunstwerke erzählen Geschichte
Teil 5: Zwischenspiel in Avignon

 

Europa im 14. Jahrhundert: Seit undenklichen Zeiten hatten die Päpste in Rom residiert, dort wo der Apostel Petrus begraben war, als dessen Nachfolger sie amtierten. Doch seit Papst Clemens V. lag der päpstliche Sitz in der südfranzösischen Stadt Avignon, wo sie sich einen prächtigen Palast hatten errichten lassen. Dies war um so skandalöser, da sich das Papsttum damit unter den Einfluss des übermächtigen französischen Königs begab. Das Ansehen des Papstes war im Schwinden begriffen - eine Entwicklung, die später zur Reformationsbewegung beitragen sollte.

 

Die Jahrhundertwende zum 13. Jahrhundert sah den Aufstieg einer neuen Macht in Europa. Führende Kraft des Abendlandes war nicht mehr das deutsche Kaisertum, welches längst zum Spielball fremder Mächte geworden war. Der mächtigste Herrscher war nun der französische König, dem es gelungen war, sein Land zu einem modernen zentralistischen Staat auszuweiten, dessen Grenzen er beharrlich zu erweitern suchte.

Diese Entwicklung gefiel am aller wenigsten dem Papst. Jahrhunderte lang hatte das Papsttum immer wieder versucht, seinen universellen Machtanspruch über die weltlichen Herrscher zu behaupten. Bonifatius VIII. wollte es nun noch einmal wissen und wies den französischen König in einer Bulle scharf auf seinen Anspruch der päpstlichen Weltherrschaft hin.

Damit hatte er sich aber in seinem Gegner verrechnet, denn der französische König kümmerte sich nicht um Machtansprüche jeglicher Art, auch nicht wenn sie vom Papst kamen. Er ließ den Papst 1303 kurzerhand festnehmen und entführen, welcher den Schock nicht überlebte. Sein Nachfolger, Clemens V., zeigte sich kooperativer und ließ sich angesichts unruhiger Verhältnisse in Rom überreden, seinen Sitz nach Frankreich zu verlegen, wo er sich 1309 dauerhaft in Avignon niederließ.

Damit begann die sogenannte "Babylonische Gefangenschaft" der Päpste, die bis 1377 dauern sollte. Als Residenz wählten sie den alten Bischofspalast neben der Kathedrale von Avignon, den sie in Folge zu einer imposanten Palastanlage ausbauen ließen, welche die Funktionen einer Festung und eines eindrucksvollen Repräsentationsobjekts vereinte.

Die Architektur der Anlage orientierte sich zwar an den Schlössern des Adels, war aber im großen und ganzen eher nüchtern und funktional. In vielem war der neue Palast innovativ und vorbildlich für spätere päpstliche Bauten in Italien, so zum Beispiel in der Anordnung der Räume um von Loggien umstandene Innenhöfe. Die hierarchische Gliederung der Innenräume mit abgeschiedenem Privatbereich zeugt von einem ausgeprägten Zeremoniell am päpstlichen Hof.

Für die prachtvolle Innenausstattung scheuten die Päpste keine Kosten. Sie ließen hervorragende Künstler aus verschiedenen Gegenden Europas an ihren Hof kommen, was von einer gestiegenen Wertschätzung einzelner Künstlerpersönlichkeiten zeugt. Unter anderen beriefen sie 1340 den berühmten italienischen Maler Simone Martini für die Innenausmalung der Räume, dessen Fresken jedoch heute verloren sind.

Erhalten sind dagegen noch einige Wandmalereien, die unter Matteo Giovanetti entstanden. Dieser war 1346 zum päpstliche Hofmaler und Leiter der Innenausmalung berufen worden. Aus seiner Werkstatt ist noch die Ausmalung zweier Kapellen mit Heiligenlegenden erhalten. Berühmt ist die Ausmalung der päpstlichen Privaträume, die von den Malern mit einzigartigen Landschafts- und Jagdszenen geschmückt wurden.

Nach 1377 erlebte der Palast einen besonderen Tiefpunkt päpstlicher Geschichte. Als der Papst in diesem Jahr beschloss, wieder nach Rom zurückzukehren, ließ der französische König einfach einen Gegenpapst in Avignon wählen. Damit beschwor er das große abendländische Schisma (Kirchenspaltung) herauf, welches die katholische Christenheit für ein halbes Jahrhundert spalten sollte und dem Ansehen der Kurie großen Schade zufügte. Erst 1417 wurde der letzte Gegenpapst abgesetzt.

Leider wurde der Palast in den letzten Jahrhunderten nicht besonders gut behandelt, so dass heute nur noch Teile der einst prächtigen Innenausstattung erhalten sind. In der Revolution von 1789 wurde er geplündert und danach als Gefängnis und Archiv missbraucht, was den Innenräumen nicht gut bekam. Die Ausmalung aller großen, repräsentativen Räume ist heute verloren, in kleineren Räumen und im Privatbereich kann man die einstige Pracht der Fresken jedoch noch bewundern.

 

Links

Les chapelles du Palais des Papes d'Avignon (fr.)
Die Kapellen des päpstlichen Palasts in Avignon, im späten 13. Jahrhundert mit Fresken versehen, werden hier eingehend vorgestellt. Die Seite ist leider ausschließlich in französisch erhältlich, aber die Bilder findet man auch ohne Französischkenntnisse.

Offizielle Seite des ehemaligen Papstpalastes von Avignon (fr. / engl. / span.)
Hier findet man einen Überblick über den Palast und praktische Informationen.

 

Wussten Sie schon,

dass es in der Geschichte schon oft mehrere Päpste gleichzeitig gab?

In diesen Fällen wurden von verschiedenen Parteien zwei Päpste gleichzeitig gewählt, wenn man sich nicht auf einen einigen konnte. Beide traten dann mit dem Anspruch auf, der "richtige" Papst zu sein.
Mit dem sogenannten "Großen abendländischen Schisma" (Schisma = Kirchenspaltung) gab es von 1377 bis 1414 permanent zwei Päpste, von denen einer in Rom residierte und von der Mehrzahl der europäischen Mächte unterstützt wurde, der zweite, Kandidat des französischen Königreichs, saß in Avignon. Auf dem Höhepunkt dieses Schismas gab es sogar kurzzeitig drei Päpste. Solche Streitigkeiten um den Papstthron schadeten der Kirche natürlich sehr und trugen zur Unsicherheit der Gläubigen bei. Zudem produzierten zwei Päpste einen doppelten Finanzbedarf für ihre aufwändige Hofhaltung, die vorrangig das Volk zu tragen hatte. Das große Schisma trug daher zum Ruf nach einer Kirchenreform bei, die schließlich in die Reformation mündete.

 

Glossar

Loggien
Laube, bzw. Laubengang, das heißt ein gewölbter Gang an der Front im Hof eines Gebäudes, der sich über Bogen nach außen öffnet. Solche Laubengänge findet man sehr häufig bei italienischen Renaissancepalästen. Berühmt sind die Loggien im Vatikanspalast in Rom, die mit Fresken von Raffael ausgemalt wurden.

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net