Serie 2: Kunstwerke erzählen Geschichte
Teil 2: Ein mittelalterliches Comic: Der Teppich von Bayeux

 

In dem malerischen Städtchen Bayeux in der Normandie wird ein ganz besonderes Kunstwerk aufbewahrt. Es handelt sich um einen mittelalterlichen Teppich, stattliche 68 Meter lang und 53 cm breit, welcher dort, der Länge nach ausgebreitet, in einer Halle zu bewundern ist. Dieser einzigartige Teppich ist sozusagen ein mittelalterliches Comic: erzählt wird die Geschichte der Eroberung Englands durch die Normannen in der berühmten Schlacht von Hastings im Jahre 1066.

 

Die Normannen, auch bekannt als die Wikinger, waren ein unruhiges Volk, dass sich besonders im frühen Mittelalter gern auf Eroberungs- und Handelzügen in südliche Gegenden aufmachte und dabei das übrige Europa in Angst und Schrecken versetzte. Ein Teil von ihnen ließ sich dauerhaft an der französischen Küste zum Ärmelkanal nieder, die dann nach ihnen die "Normandie" genannt wurde.

1066 starb der angelsächsische König Edward der Bekenner ohne Kinder zu hinterlassen. Sein rechtmäßiger Nachfolger wäre sein Verwandter Herzog Wilhelm von der Normandie gewesen, doch die Briten hatten mit "Ausländern" offensichtlich nichts am Hut: Sie krönten stattdessen den Angelsachsen Harold zum König. Nun unterschätzte man aber offensichtlich die wikingische Tradition der Normannen. Diese bauten kurzerhand eine Flotte und setzten damit über den Ärmelkanal. Die Angelsachsen wurden besiegt, Harold im Kampf getötet und Wilhelm wurde zum König Englands gekrönt.

Diese denkwürdige Geschichte ist uns heute noch in allen Einzelheiten bekannt, denn sie wurde aufgezeichnet - oder besser aufgestickt. Im Jahre 1077 ließ der normannische Bischof von Bayeux oder die Königin Mathilde einen Teppich knüpfen, der den gesamten Feldzug aus normannischer Sicht in lebhaften Details schildert.

Erzählt wird die Geschichte in drei Ebenen in der Lesrichtung von links nach rechts. Im Mittelstreifen findet das Hauptgeschehen statt. Dieses wird durch erläuternde Schriftzüge begleitet, die hauptsächliche Erzählfunktion übernehmen aber die Bilder. Die einzelnen Szenen werden dabei durch Landschaftsformationen oder Architektur von einander abgesetzt - eine Erzählführung die sich an byzantinischen Codices orientiert.

Das Geschehen ist lebhaft und voller Details. Die Künstler spickten ihre Erzählung dabei mit kleinen Randepisoden, die für uns heute interessant sind, weil sie uns etwas über den mittelalterlichen Alltag erzählen. Auf den beiden Randstreifen begleiten Tiere und Fabelwesen das Geschehen: Auch sie haben eine Erzählfunktion, denn sie stellen sozusagen eine Versinnbildlichung des Hauptgeschehens dar, welches durch die Tiere "nachgespielt" wird.

An solchen ausgeklügelten Details erkennt man, dass der Teppich von geschickten Künstlern angefertigt wurde. Wer genau den Teppich entwarf und anfertigte ist jedoch nicht bekannt. Da Textilarbeiten wie diese vornehmlich Sache adliger Damen und Nonnen waren, ist zu vermuten, dass er von Frauen, vielleicht in einem Kloster, hergestellt wurde.

Die formale Gestaltung der Figuren mit ihren in die Länge gezogenen Gliedmaßen mag für uns heute ungelenk erscheinen, sie entspricht aber dem künstlerischen Schönheitsideal der Entstehungszeit des Teppichs. Solche expressiv verlängerten Gestalten sind außerdem besonders gut in der Lage, eine Handlung gestenreich zu darzustellen. Dass Landschaft und Gebäude abstrahiert werden und Gesetze der Perspektive eine geringe Rolle spielen, entspricht ebenfalls dem Stil der Romanik.

Wer den Teppich einmal in ganzer Länge betrachten will, hat im Internet gute Gelegenheit dazu. Oder man fährt direkt nach Bayeux: dort ist der Teppich im Museé de la Reine Mathilde, gleich neben der Kathedrale von Bayeux, aufbewahrt.

 

Links

The Bayeux Tapestry (engl.)
Die beste Seite im Internet zum Teppich von Bayeux. Sie beinhaltet einen einführenden Text und eine Galerie mit Gesamtansicht des Teppichs in verschiedenen Bildern.

The Bayeux Tapestry (engl.)
Der Text geht hauptsächlich auf historische Ereignisse ein, die an Hand des Teppichs nachvollzogen werden.

Musee de La Tapisserie de Bayeux (engl./fr.)
Bietet leider kaum Informationen.

Ein paar weitere Links zum Thema bei artnews

 

Wussten Sie schon ...

dass der Teppich von Bayeux nur knapp vor der Verstümmlung bewahrt werden konnte?

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net