Bildersturm in Afghanistan

 

Bilderstürme sind etwas, das man eher mit einer fernen und dunklen Vergangenheit verbindet. Jetzt aber ist in Afghanistan die radikalislamische Taliban dabei, Jahrtausende alte Kunstwerke zu zerstören. Die Weltöffentlichkeit schaut hilflos und befremdet zu.

 

In Afghanistan wird die Welt zur zeit Zeuge von einer Zerstörungswut an Kunstwerken, die seines gleichen sucht. Die radikalislamische Taliban, die das Land seit dem Bürgerkrieg 1996 beherrscht, will sämtliche Statuen im Land zerstören, da bildliche Darstellungen mit den Lehren des Islam nicht vereinbar seien.

Betroffen davon sind hauptsächlich buddhistische Statuen. Afghanistan ist ein Sammelpunkt verschiedener kultureller Hinterlassenschaften. Gelegen an der alten Seidenstraße, an der kulturellen Grenze zwischen Iran, Indien und China, wurde es zum Schnittpunkt östlicher und westlicher Kulturen. Sein kulturelles Erbe ist daher gekennzeichnet durch Einflüsse aus dem alten Persien und Griechenland, Hinduismus und Buddhismus und dem Islam.

Die beiden berühmten Buddhastatuen von Bamiyan, in der Nähe von Kabul sind mittlerweile anscheinend schon zerstört worden. Der afghanische Innenminister meldete, Soldaten würden "mit Äxten und Schaufel" auf die monumentalen Felsstatuen einschlagen, damit nichts übrig bleibe. Die in Fels gehauen, 36 und 53 Meter hohen Statuen, stammen aus dem dritten und fünften Jahrhundert. Sie waren einst Teil eines nahegelegenen buddhistischen Kloster, das bis ins 8. Jahrhundert existierte.

Derweil ist auch das Schicksal der einzigartigen Skulpturensammlung im Museum von Kabul ungewiss. Ein Großteil der Statuen in Afghanistan soll mittlerweile schon zerstört worden sein.

Die UNESCO hat sich bis jetzt vergeblich um die Rettung der verbliebenen Kulturgüter bemüht. Doch weder die Entsendung eines Sonderbotschafters noch die Verurteilung der Zerstörungen durch ein eilig einberufenes Sondertreffen von 54 Staaten der islamischen Konferenz hat bis jetzt eine Wirkung gezeigt. Bis nächste Woche sollen die Zerstörungen aber wegen der jetzigen muslimischen Feiertage ruhen.

Dieser religiös motivierte Ikonoklasmus mag anachronistisch erscheinen, er basiert jedoch auf einer langen Tradition.

Das Verbot im Alten Testament "Du sollst Dir kein Bild machen" hat Islam und Christentum gleichermaßen beschäftigt. Dahinter stand die Gefahr des Götzendienstes, der mit der Anbetung religiöser Bildwerken (besonders Statuen) verbunden war. Im Islam sind Darstellungen von Menschen und Tieren daher gänzlich verboten, die islamische Kunst ist daher hauptsächlich auf Ornamente beschränkt. Allerdings wurden dieses Verbot nie so strikt eingehalten und selbst andere radikalislamische Staaten, wie Pakistan und der Iran, sehen in dem Gesetz keine Rechtfertigung für die Zerstörung der Bilder einer fremden Kultur.

Auch im Christentum beschäftigte man sich mit der Legitimität bildlicher Darstellung. In dem sogenannten Bilderstreit im 8. und 9. Jahrhundert ging es um die Frage, ob es im Christentum überhaupt religiöse Bildwerke geben sollte. Fanatische Anhänger der Partei der Ikonoklasten (Bilderstürmer) zerstörten damals im byzantinischen Reich einen Großteil der Bildwerke von vor 800. Die orthodoxe Kirche einigte sich damals schließlich auf einen strengen Code, nachdem religiöse Bildwerke noch bis heute geschaffen werden, während die westliche Kirche aus diesen Streit für die Kunst keine so weitreichenden Konsequenzen zog.

Zur Reformationszeit stürmten dann aufgebrachte Menschenmengen im nordwestlichen Europa die Kirchen und zerstörten Statuen, Altäre und Bilder. Das Zerstörungswerk richtet sich diesmal gegen die alte katholische Kirche und Weltordnung, die sie verkörperte. Die Kirchen sollen gereinigt werden für eine neue Art des Christentums, die den ursprünglichen Lehren der Kirche näher stehen sollte.

Bildzerstörungen wie diese waren auch sozial und gesellschaftlich motiviert. Mit den Bildern beseitigte man die sichtbaren Stellvertreter einer Ordnung. In Frankreich der Revolution von 1789 zerstörte man zum Beispiel unzählige Statuen an den reichgeschmückten gotischen Kathedralen. Der Grund: man sah in Ihnen Symbole der Monarchie, die man ein für alle Mal beseitigen wollte.

Die Liste ließe sich in Blick auf die Weltgeschichte unendlich fortsetzen. Letztlich richten sich auch die Bildzerstörung der Taliban nicht eigentlich gegen den Buddhismus, der in Afghanistan einer fernen Vergangenheit angehört. Neben fanatischen Prinzipien spielen hier wohl politische Motivationen eine entscheidende Rolle, wie die Demonstration von Macht nach innen und außen.

 

Links

Afghan Cultural Heritage Crisis
Informiert über die Aktionen der UNESCO zur Rettung der afghanischen Kunstwerke. Es gibt hier auch eine kleine Bildergalerie zu den betroffenen Bildwerken.

Afghanistan
Über Afghanistan, den Bürgerkrieg und die Taliban

Society for the preservation of Afghanistan's Cultural Heritage (engl.)
Die Seite wird seit 1996 nicht mehr bearbeitet, man findet hier aber einige Informationen über die Kunstschätze Afghanistans und ihre Gefährdung.

Stichworte zum Begriff "Ikonoclasmus" bei Encarta

Ikonoklasm (engl.)
Historische Quellen zum byzantinischen Biderstreit.

 

 


 

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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net