Serie 2: Kunstwerke erzählen Geschichte
Teil 9: Der Republik ein Haus. Das Capitol in Washington

 

Amerikanische Architektur wird gemeinhin mit Wolkenkratzern in Verbindung gebracht, der uramerikanischen Erfindung und angemessener Ausdruck des american way of life. Daneben steht jedoch ein anderer Stil, der vielleicht noch uramerikanischer ist, auch wenn er aus Europa importiert wurde: der Klassizismus. Hierin fand die junge Demokratie zu Beginn ihrer Geschichte eine angemessene Form der Darstellung ihrer republikanischen Ideale. Nicht zufälliger Weise ist das wohl meistgezeigte Gebäude der USA ein klassizistischer Bau: das Capitol.

 

Die ersten amerikanischen Siedler hatten natürlich dringendere Probleme, als sich über Architektur Gedanken zu machen. Die ersten Häuser waren praktisch und einfach gebaut. Der Hauptbaustoff war Holz, aus dem später selbst die repräsentativeren Villen reicher Landbesitzer vorrangig gebaut waren. Ohnehin legte man im puritanischen Amerika nicht viel Wert auf Schnörkel und unnötigen optischen Reichtum. Der Barock hatte hier daher nie eine Chance.

Um so eher war der Klassizismus für die Amerikaner geschaffen: verkörperte dieser Stil doch Demokratie, Ordnung und Vernunft, und außerdem war er ausgesprochen repräsentativ. Für die repräsentativen Bauten der neugeschaffenen Republik konnte man sich daher gar keinen besseren Stil wünschen, und so ist es selbstverständlich, dass ihre erste große Bauaufgabe, der Bau eines angemessenen Regierungssitzes, im Klassizismus geschah. Bis heute lebt der Klassizismus in den USA übrigens neben der modernen Architektur als gängiger Baustil fort.

Die Geschichte des Capitol begann 1790. Da beschloss der amerikanische Kongress, in dem sumpfigen Gebiet des Potomacflusses dem jungen Staat eine neue Hauptstadt zu schaffen, in der künftig auch sein permanenter Sitz liegen sollte. Diese neue Stadt Washington erhielt unter der Planung des französischen Ingenieurs Pierre Charles L'Enfant den Grundriss einer barocken Anlage mit einem riesigen Platz im Mittelpunkt.

Hier sollten die wichtigsten Einrichtungen des Staates versammelt werden, die nach dem republikanischen Prinzip der Gewaltenteilung aus Exekutive, Legislative und Judikative bestanden. Höhepunkt der Anlage sollte das Capitol werden, als permanenter Sitz des Kongresses, der amerikanischen Legislativgewalt, bestehend aus Senat und Repräsentantenhaus. Doch der Werdegang dieses Bauwerkes war lang und schwer und sollte insgesamt 60 Jahre dauern.

Erster Architekt war der schottische Arzt William Thornton, der als Autodidakt typisch war für diese erste amerikanische Architektengeneration. Er entwarf ein dreiflügliges Gebäude, über dessen Mittelbau als Blickfang eine hohe Kuppel errichtet werden sollte. Der zentrale Kuppelbau ist ein Lieblingsmotiv des amerikanischen Klassizismus. Sein Ursprung liegt im römischen Pantheon, dessen Grundprinzip in der Renaissance bei Palladio und im englischen Frühklassizismus weitergeführt und von dort über Architekturtraktate nach Amerika kam.

Thorntons Plan entspricht der heutige Bau im wesentlichen noch immer, auch wenn er seitdem gewaltig verändert wurde. Bis das Gebäude endlich vollständig war, sollte es noch eine Weile dauern. Bis 1800 konnte gerade einmal der Nordflügel soweit fertig gestellt werden, dass der Kongress zumindest einziehen konnte. Unter dem gebürtigen Engländer Benjamin Henry Latrobe, dem ersten professionellen Architekten der USA, enstand dann der Südflügel und einige meisterhaft gestaltete klassizistische Innenräume. Nachdem die Engländer 1812 das Capitol verwüsteten, war Latrobe auch für den Wiederaufbau verantwortlich.

Unter dem Architekten Charles Bulfinde konnte das Capitol bis 1826 endlich vollendet und mit einer Kuppel versehen werden, die freilich nur aus Holz und nicht so spektakulär war, wie von Thornton einmal geplant. 1850 war dieser Bau für den schnell wachsenden Staat schon zu klein geworden und erfuhr unter Thomas U. Walter eine gewaltige Erweiterung, die sein Äußeres heute noch prägt. Unter Walter entstand 1856 auch endlich die eindrucksvolle Kuppel, die heute der dominierende Teil des gesamten Gebäudes ist.

 

Links

The architect of the capitol (engl.)
Die Seite des "Architect of the capitol" beinhaltet eine ausgiebige Baugeschichte, Baupläne und -modelle, Grundriss und Ansichten, sowie Fresken und plastischer Schmuck.

Viele Fotos vom Capitol und anderen Washingtoner Sehenswürdigkeiten

U.S. Capitol Historical Society

White House Historical Association
Unter anderem mit einer virtuellen Tour durch das Weiße Haus.

 

Wussten Sie schon,

dass Thomas Jefferson nicht nur ein berühmter Staatsmann war, sondern auch einer der bedeutendsten amerikanischen Architekten?

Thomas Jefferson, Autor der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten und dritter Präsident der USA (1800-1809) war in erster Linie Politiker und Plantagenbesitzer. Doch das hielt seinen unermüdlichen Geist nicht davon ab, sich auch auf anderen Gebieten zu betätigen. Zu seinem liebsten Zeitvertreib zählte er die Architektur. Geschult an Vorlagen europäischer Architektur, v. a. der Antike und des englischen Palladianismus, schuf er seinen eigenen amerikanischen Klassizismus.
Er beeinflusste die Richtung der amerikanischen Architektur in entscheidender Weise mit. Als Secretary of State hatte Jefferson großen Einfluss auf die Gestaltung der Hauptstadt und ihrer Gebäude. Seine wichtigsten Bauten sind die von ihm gegründete University of Virginia und seine Villa Monticello (übrigens das einzige Gebäude der USA mit dem Weltkulturerbestatus der UNESCO).

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net