Ein tragisches Genie: Caravaggio

 

Caravaggio war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten des an Persönlichkeiten so reichen 16. und 17. Jahrhunderts. Wenige Künstler haben wohl die Nachwelt so fasziniert und zu Spekulationen angeregt wie er. Seine exzentrische und tragische Lebensgeschichte scheint sich in seinen eigenartigen Bildschöpfungen widerzuspiegeln, die schon seine Zeitgenossen spalteten.

 

Über das kurze aber dramatisches Leben des Malers Michelangelo Merisi da Caravaggio ist nur wenig sicheres bekannt, um so mehr blühen dafür Legenden um seine exzentrische Person. Er wurde 1571 oder 1573 in Mailand geboren und zog 1592 nach Rom, um dort im Klima päpstlicher Bautätigkeit als Künstler sein Glück zu versuchen. Dies wurde ihm auch bald zuteil, als der kunstsinnige und weltoffene Kardinal Francesco del Monte auf ihn aufmerksam wurde und ihn 1595 in seinem Palast aufnahm.

Schon in seinen ersten Bildern zeigte er den eigenwilligen Malstil, der später vielfach nachgeahmt, allgemein als caravaggesk bezeichnet werden sollte. Sein Hauptmerkmal war dabei sein schonungsloser Realismus, der - v. a. bei der Darstellung von heiligen Themen - oft Anstoß fand. Caravaggio porträtierte Heilige und Götter gleichermaßen als einfache Menschen von der Straße, zu denen der Betrachter leicht Zugang finden konnte.

In seinen religiösen Bildern dienten diese Mittel dazu, das übernatürliche, eigentlich nicht darstellbare, darstellbar und begreifbar zu machen. Um seine Bilder so real wie möglich erscheinen zu lassen, experimentierte Caravaggio mit verschiedenen bildlichen Mitteln. So verbannte er Landschaften und Architekturräume aus seinen Bildern und platzierte seine Figuren vor dunkle Hintergründe aus denen sie, wie magisch erleuchtet, auftauchten. Dieser Schritt erlaubte Caravaggio das Licht wie ein Bühnenregisseur einzusetzen, um die Gestalten auf seinen Bildern zum Leben zu erwecken.

Seine ersten Werke machten ihn schlagartig berühmt, weitere Großaufträge folgen auf dem Fuß. Caravaggio genoss bald hohes künstlerisches Ansehen und seine Bilder hingen bald in vielen Sammlungen. Sein unkonventioneller Malstil brachte ihm aber auch viele Kritiken ein. Seine Bilder mit religiösen Themen, die den Großteil seiner Werke ausmachten, wurden nicht selten von ihren kirchlichen Auftraggebern abgelehnt - allerdings um bemerkenswerter Weise kurz darauf von Kardinälen und Bischöfen oder anderen Personen für ihre Privatsammlungen erworben zu werden.

So äußerte ein Rivale über seinen Marientod (1601-02, Louvre), Caravaggio habe als Modell für die Madonna eine tote Prostituierte benutzt, die man aus dem Tiber gezogen habe. Das Bild - von seinen Auftraggeber abgelehnt - wurde einige Jahre später von einen Privatmann erworben, nach dem es ihm von dem davon begeisterten Rubens empfohlen worden war.

Caravaggios hitziger Charakter machte jedoch schließlich allen Ruhm zunichte, als er 1606 wegen eines Todschlags aus Rom fliehen musste. Die restlichen Jahre seines Lebens verbrachte er auf ständiger Flucht im Exil, was seiner Produktivität jedoch keinen Abbruch tat. Am Tiefpunkt seines Lebens entstanden noch einmal düstere und melancholische Bilder. 1608 eilte er mit Hoffnung auf eine päpstliche Amnestie nach Rom, erlag auf dem Weg jedoch einem Fieber, vielleicht verursacht durch eine schwere Verwundung, die ihm seine Verfolger beigebracht hatten.

Caravaggios Kunst initiierte viele Neuerungen in der Malerei, die zu entscheidenden Eigenschaften der Barockmalerei gehören sollten. So werden ihm von der Forschung eine stattliche Reihe von "Erfindungen" zugeschrieben: Das autonome Stilleben, das Genrebild, die Helldunkel-Malerei. Sein Realismus hat schließlich eine ganze Strömung innerhalb des Barock hervorgebracht und beeinflusste besonders die spanischen und niederländische Künstler.

Eines der berühmtesten Bilder von Caravaggio, "Amor als Sieger" (1601-02) ist übrigens in der Berliner Gemäldegalerie zu sehen. Es war das Glanzstück der berühmten Sammlung der Brüder Giustiniani, Förderer Caravaggios, die zu großen Teilen für die Berliner Sammlung erworben wurde. Leider wurden die meisten von Caravaggios Gemälden der Sammlung in Berlin im Zweiten Weltkrieg zerstört. Für andere Bilder muss man dann schon etwas weiter nach Italien, Paris, Wien oder Petersburg fahren.

 

Links

Caravaggio (it./engl.)
Eine umfangreiche, lesenswerte Biographie mit vielen, vielen Bildern (ungewöhnlicher Weise von hinten aufgerollt, beginnend mit Carravaggios Tod). Es gibt auch ein bebildertes Werkverzeichnis.

Caravaggio in Preußen
Webpage zur gleichnamigen in diesem Jahr in Berlin stattgefundenen Ausstellungen über die Sammlung Giustiniani. Enthält eine Kurzbiographie und einiges wissenswertes über Caravaggio.

Die Akte Caravaggio
Was geschah mit den im Krieg verschollenen Caravaggios der Berliner Gemäldesammlung? Ein Artikel von Bodo Mrozek aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

 

Wussten Sie schon,

dass ein beträchtlicher Teil der Ausstellungsstücke der Staatlichen Museen zu Berlin im Krieg verschollen sind?

Vermutlich sind die verschollenen Gegenstände aus verschiedenen Sammlungen beim Bombardement von Berlin in ihren Depots verbrannt, doch so genau weiß man es nicht. Wie das Schicksal des ebenfalls totgeglaubten, und dann in einem russischen Museum wieder aufggetauchten, Pergamonschatzes zeigt, können Tote manchmal auferstehen.

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net