Serie 2: Kunstwerke erzählen Geschichte
Teil 3: Eine Festung Gottes - Das Kloster Cluny

 

Wer heute nach Cluny nördlich von Lyon fährt, um dort das berühmte Kloster zu besichtigen, wird von der Realität vielleicht enttäuscht sein. Kaum etwas zeugt noch davon, dass hier einmal eine Art Weltwunder des romanischen Mittelalters gestanden hat. Ein Kloster, gebaut als ein Sitz Gottes auf Erden, der aller Welt zeigen sollte, dass neben der geistliche Sphäre Gottes und der Kirche alle weltliche Macht eitel und vergänglich sei.

 

Ein frommer Laie, der Herzog Wilhelm von Aquitanien, hatte 909 das Kloster Cluny gegründet und verfügt, dass keine weltliche oder geistliche Macht auf die Geschäfte des Klosters Einfluss nehmen könne. Die Mönche von Cluny lebten unter Verordnung des strengen Abts Berno nach der Regel "arbeite, bete und lerne zu schweigen".

Das Kloster wurde bald Mittelpunkt der geistlichen Reformbewegung, die Europas im 10. und 11. Jahrhundert erfüllte. Beklagt wurden Verfall von geistlicher Zucht und Ordnung in den Klöstern, Käuflichkeit geistlicher Ämter und Missachtung des Zölibats durch die Priester. Vor allem im deutschen Reich stand die Kirche zu sehr unter dem Einfluss weltlicher Herren. Damit sollte nun Schluss sein. Die von den Klöstern Cluny und Gorze (in Lothringen) ausgehende sogenannte cluniazensische Reform wollte der Verweltlichung der Kirche entgegenwirken und der Allmacht des Papstes gegen den König Geltung verschaffen.

Die Reformideen verbreiteten sich rasch auf andere Klöster - auf dem Höhepunkt der Bewegung im 12. Jahrhundert sollten es 1400 sein. Dem neue Geist und der Bedeutung von Cluny musste auch äußerlich ein angemessener Rahmen geschaffen werden. Schon 948 begann man daher mit dem Bau einer neuen Klosterkirche, Cluny II, deren steinerne Tonnenwölbung damals eine technische Meisterleistung darstellte, die Schule machen sollte.

Doch auch diese Kirche genügte bald nicht mehr den hohen Ansprüchen des Klosters. 1085 begann Abt Hugo mit dem Bau einer neuen Kirche, die an Monumentalität und Prachtentfaltung alles bisher dagewesene übertreffen sollte. Cluny III war fast um die Hälfte größer als die damalige Peterskirche in Rom, und auch größer und prächtiger als der gewaltige Dom, den die deutschen Könige jüngst in Speyer hatten erbauen lassen.

Die Länge der gesamten Kirche betrug 187,31m, das Langhaus bestand aus fünf Schiffen, an das sich ein ausladendes Querhaus von 73,75 m Breite anschloss. Nach außen hin präsentierte sich die Kirche mit mehreren mächtigen Türmen und zahlreichen Kapellenanbauten als ein "Bollwerk Gottes" und muss in einer Zeit, die an ganz andere Dimensionen gewöhnt war als heute, ungemein beeindruckt haben.

Im Inneren empfing Cluny III den Besucher mit damals schwindelerregend hohem Mittelschiff von 29,50m Höhe, über das eine 14,75 m breite steinerne Tonne gespannt war. Eine Wölbung von solchen Ausmaßen war vorher nur im Speyerer Dom gelungen, dessen Schiffhöhe von Cluny III aber noch übertroffen wurde. Damit wurde die Tonnenwölbung, ein besonders ehrgeiziges Thema der romanischen Architektur, zu einer nicht mehr zu übertreffenden Perfektion gebracht.

Der gewaltige Raumeindruck vermischte sich mit einer prachtvollen Ausstattung mit Skulturen, farbig gefassten Ornamenten und wertvollen Gegenständen aus Gold und Edelsteinen. Hinzu kam die neuartigen Gesänge der Mönche, Weihrauch und Kerzen - gegenüber der einfachen Alltagswelt der Menschen verbreitete Cluny damit einen überirdischen Glanz.

Das Kloster präsentierte hiermit, bei wem Macht und Reichtum lagen: im Mittelalter waren die Kirchen die eigentliche Paläste. Diese Prachtentfaltung, welche in Cluny III einen einsamen Höhepunkt erreichte, wurde jedoch bald kritisiert. Ihre Gegner wiese auf die ursprünglichen Ideale der Mönche eines Lebens in Einfachheit und Askese hin. Die Gründung des Zisterzienserordens mit seinen Prinzipien von Enthaltsamkeit und Arbeit war hierauf als Antwort zu verstehen.

Der langsame Fall von Cluny setzte schon drei Jahrhunderte nach seinem Bau ein. Im Zuge der französischen Revolution wurde das Kloster 1790 schließlich aufgelöst und wenig später als Steinbruch an einen Privatunternehmer verkauft. Damit endete die Geschichte des stolzen Bauwerks. Überlebt haben von Cluny III bis heute nur Reste von zwei Querschiffen und einige schöne Kapitelle, die zu den Meisterleistungen der romanischen Bildhauerkunst zu rechnen sind.

 

Links

Geschichte und Rekonstruktion von Cluny

3-D-Rekonstruktion von Cluny III (fr.)

"Ein Kloster in Burgund: Cluny I und Cluny II als virtuelles Experiment"
Versuch einer 3-D-Rekonstruktion von ClunyI und ClunyII

Die Urkunden des Klosters Cluny

Bilder von Cluny III

Noch mehr Bilder zu Cluny III

Literaturliste zur Cluny-Forschung

Links zu Cluny (fr)

Fédération de Sites Clunisiens (fr. und engl.)
Webring verschiedener Seiten von Klöstern der cluniazensischen Reform.

 

Wußten Sie schon,

dass der Dom zu Speyer im 11. Jahrhundert die größte Kirche des Abendlandes war?

Dieser Dom der salischen Kaiser wurde gegen 1030 unter Konrad II. begonnen und unter dessen Nachfolger Heinrich III. 1061 vollendet. Heinrich IV. ließ ihn kurz darauf noch prachtvoller umbauen; unter ihm gelang auch die Wölbung des 14 m breiten Mittelschiffs mit einer steinernen Tonne, die vorher schon geplant war, aus technischen Gründen aber nicht ausgeführt wurde. Der Bau von Cluny III übertraf jedoch dann auch diesen Bau wenige Jahre später. Gewisser Maßen verkörpert sich hier in der Architektur der Streit zwischen der päpstlichen Kirche (Cluny) und den deutschen Kaisern und Königen (Speyer) um Vormachtstellung, die unter Heinrich IV. und Papst Gregor VII. im Investiturstreit einen Gipfelpunkt fand.

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net