Serie 2: Kunstwerke erzählen Geschichte
Teil 6: Der David von Michelangelo

 

Vom 11. bis zum 15. Jahrhundert konnte sich in Europa an Reichtum und Größe nichts mit den italienischen Städten messen. Eine fortschrittliche Organisation von Handel und Produktion machte die italienischen Städte zu mächtigen und selbstbewussten Zentren, die ihren Einfluss und ihre Freiheit ständig gegen äußere Mächte und Rivalen untereinander verteidigen mussten. Unter diesem Klima gedieh mit der Renaissance eine neue Art von Kunst, die von dem selbstbewussten Welt- und Menschenbild der Städter zeugt. Der berühmte David von Michelangelo entstand in diesem Zusammenhang als ein Meisterwerk der Hochrenaissance und Ausdruck republikanischen Stolzes.

 

Im 15. Jahrhundert wurde Florenz durch die mächtige Familie der Medici beherrscht, die sich von Bankiers und Kaufleute zu einer stadtherrschaftlichen Dynastie heraufgearbeitet hatten. Nach dem Tod des klugen und kunstsinnigen Lorenzo di Medici 1492 begann jedoch dessen Lebenswerk, die Kräftebalance in Italien und die politische Stabilität in Florenz zu zerbrechen.

Unter seinem unfähigen Nachfolger Piero di Medici war Florenz in verschiedene Parteien gespalten, wobei die Partei der Medici mit der bürgerliche Oberschicht und einer religiösen Gruppierung um die Vorherrschaft kämpfte. Die unwillige Bürgerschaft zwang Piero schließlich aus der Stadt zu fliehen. Nach einem Zwischenspiel unter der Führung des religiösen Fanatikers Savonarola wurde 1501 in Florenz schließlich wieder die Republik proklamiert.

Diese neue republikanische Ordnung fand auch Unterstützung durch den Künstler Michelangelo Buonarroti. Das junge Genie war in Florenz aufgewachsen und hatte dort zwei Jahre am Hof des großen Lorenzo di Medici zugebracht, bevor es ihn nach Rom zog. Nun erhielt er im Auftrag der jungen Republik die Möglichkeit seine Gesinnung klar zum Ausdruck zu bringen.

Nur zwölf Tage nach der Proklamation der Republik beauftragte ihn die Stadt mit der Anfertigung einer Monumentalfigur des David als ein Denkmal des Sieges des florentinischen "David" über den "Goliath" der Familie Medici. Die Statue sollte heroischen Mut und die Tugenden der Bürgerschaft ausdrücken aber auch an ständige Wachsamkeit gegen äußere und innere Gefahren der städtischen Autonomie gemahnen.

Die gewaltige 4,34 m hohe Skulptur, an der Michelangelo von 1501 bis 1504 arbeitete, verlangte vom Künstler eine gewaltige Anstrengung. Die Stadt gab ihm dazu einen großen Marmorblock, an dessen Bearbeitung 40 Jahre vorher schon ein anderer Künstler gescheitert war. Doch Michelangelo meisterte seine Aufgabe bravourös. Unter einigen Schwierigkeiten fand sein Meisterwerk schließlich als ein Symbol der Republik seinen Platz vor dem Palazzo Vecchio.

Michelangelo gab seinem David eine an antiken Idealen geschulte, athletische Gestalt. Er ist genau in dem Moment dargestellt, in dem er den Stein an die Schulter hebt und Goliath anvisiert, um ihn zu erschlagen. Seine Haltung ist eine Mischung aus entspannter Ruhe und äußerster geistiger Spannung. Hierdurch werden auch die Tugenden der Städter deutlich, die eher in geistiger Überlegenheit als Waffengewalt liegen.

Michelangelo erreichte mit diesem Werk eine meisterhafte Balance zwischen verschiedenen Polen, in dem sich Antiken- und Naturstudium, Realismus und Idealismus zu einer Einheit verbinden. Sein Werk ist damit ein Exempel für die Skulptur der relativ kurzen Phase der Hochrenaissance, die eng mit dem Geist der italienischen Stadtstaaten der Zeit verbunden ist.

Man sollte sich in Florenz übrigens nicht von den vielen "falschen" Davids irritieren lassen. Der echte David steht seit 1882 in der Galleria dell' Accademia, wo für ihn eigens ein Saal eingerichtet wurde.

 

Links

Michelangelo Buonarotti (engl.)
Ausgiebige Seite über Vita und Werk des Künstlers

Michelangelo
Kleine Online-Ausstellung bei onlinekunst zu Michelangelo mit schönen Fotos

Mehr Skulpturen von Michelangelo bei Thais (it./engl.)

Die kleine Michelangelo Seite
Effektvoll aufgemachte Seite mit knappen Inhalten.

Michelangelo Buonarotti
Knappe Biographie bei magicmirror

The Digital Michelangelo Project (engl./it.)

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net