Serie 2: Kunstwerke erzählen Geschichte
Teil 11: Der Berliner Fernsehturm

 

Die Mitte Berlins markiert auch nach der Wiedervereinigung weithin sichtbar der 365 m hohe Fernsehturm. Heute, da die Teilung Berlins langsam in Vergessenheit gerät, betrachtet man den Bau zunehmend losgelöst von seinem geschichtlichen Hintergrund. Doch der Fernsehturm ist mehr als nur ein Aussichtsturm und technische Notwendigkeit. Er ist ein Kind der DDR und ohne den Zusammenhang des Kalten Krieges nicht vorstellbar. Die alles überragende "sozialistische Höhendominante" sollte bis in den Westteil Berlins hinein die Überlegenheit des Sozialismus verkünden.

 

Am dritten Parteitag der SED 1950 appellierte Parteichef Walter Ulbricht an die Architekten, das Ost-Berliner Stadtzentrum ohne Rücksicht auf überkommene Bauten und Strukturen neu zu gestalten - das Herz und Aushängschild des neuen sozialistischen Staates sollte ein modernes, in die Zukunft gerichtetes Äußeres bekommen.

Das alte Stadtschloss der Hohenzollern, im Kriege schwer beschädigt, wurde abgerissen, an seiner Stelle sollte das neue Regierungsgebäude der DDR entstehen. Ein Vorbild gab es dabei in dem seit langem geplanten "Palast der Sowjet" in Moskau. Wie dieser sollte auch das Berliner Regierungsgebäude als dominantes Hochhaus im stalinistischen Zuckerbäckerstil erbaut werden. Ein erster Wettbewerb 1957 brachte aber keinen vollends befriedigenden Vorschlag, zudem war das Geld knapp und das Projekt wurde Anfang der 60er Jahre schließlich zu den Akten gelegt.

Doch dann kam aus einer ganz anderen Ecke eine zufällige Alternative, welche die Funktion einer repräsentativen und ideologisch aussagekräftigen Höhendominante mit der Lösung eines brennenden technischen und politischen Problems geradezu genial verband. Die DDR hatte nämlich das ärgerliche Problem, dass der staatseigene Rundfunk und Fernsehfunk auf Grund schwacher Frequenzen nicht alle Haushalte erreichen konnte, während man dagegen die westlichen "Hetzsender" ganz gut empfangen konnte.

Seit 1952 arbeitete man daher am Bau eines Fernsehturms, der wegen einiger planerischer Probleme jedoch Anfang der 60er Jahre immer noch nicht stand. Die Idee, das Projekt Fernsehturm für die Neugestaltung der Innenstadt zu nutzen, kam zuerst vom DDR-Stararchitekten Herrmann Henselmann. Sein Wettbewerbsbeitrag zur Neugestaltung des Berliner Zentrums 1957 sah als dynamischen Mittelpunkt einen "Turm der Signale" vor, der dem heutigen Fernsehturm schon stark ähnelte.

Sein Design mit einem langen, sich stark verjüngenden Schaft und einer aufsitzenden Kugel nahm mit der Geschwindigkeitsmetapher und Assoziationen an die Raumfahrt zwei gängige Symbole für den Erfolg der Sowjetunion auf. Nicht von ungefähr erinnerte der Turm an eine startende Rakete, beziehungsweise an den 1957 gestarteten Sputnik-Satelliten. 1964 konnte Ulbricht überzeugt werden, dass der Fernsehturm ein adäquater Ersatz für das Regierungshochhaus sei.

Nachdem der Bau durch das Politbüro beschlossen worden war, wurde Henselmanns Entwurf durch verschiedene Personen überarbeitet und präzisiert. Später ergab sich aus dieser Arbeitsteilung ein Urheberstreit zum Fernsehturm, der bis heute nicht endgültig geklärt werden konnte.

1965 begann der Bau des Turms auf dem von Walter Ulbricht gewählten Standort im unmittelbaren Berliner Zentrum. Schon zu Anfang erwies sich, dass der Bau weit teurer werden sollte als angenommen, doch um nicht das Gesicht zu verlieren musste das ehrgeizige Projekt trotz leerer Staatskassen zu Ende geführt werden. Am Ende hatte der Fernsehturm über 130 Millionen Mark verschlungen - mehr als vier mal soviel als ursprünglich veranschlagt.

1969 konnte der Turm für den Funkbetrieb und Besucher geöffnet werden; der Bau der flachen Pavillons am Fuße des Turms war erst 1972 abgeschlossen. Der Fernsehturm wurde sofort zum Aushängeschild und Wahrzeichen der Hauptstadt und Hauptattraktion für staunende Besucher aus der ganzen Republik. Tatsächlich war den Erbauern eine technische und künstlerische Meisterleistung gelungen. In den 90er Jahren musste der Turm generalsaniert werden, wobei leider teilweise die ursprünglich Wirkung im Innern verloren ging. Die Sanierung der Pavillons steht noch an.

 

Links

Fernsehturm
Relativ wenig Informationen, dafür aber eine Bildergalerie und einiges praktisches.

Fernsehturm

archINFORM: Fernsehturm

Henselmann
Artikel zum Architekten Henselmann, allerdings nichts zum Fernsehturm.

 

Wussten Sie schon,

dass die Mutter aller Fernsehtürme in Stuttgart steht?

Der Stuttgarter Fernsehturm wurde 1954-56 am Stadtrand gebaut. Ihm folgte eine weltweite "Turmbauwelle". Der Stuttgarter Fernsehturm wurde dabei zum Vorbild eines neuen Bautyps - mit einem langen Schaft und einer architektonisch überformten Turmkopfplatte - der ganz der zeitgenössischen Vorstellung von fortschrittlicher Architektur entsprach.

 

Buchtipp

Peter Müller: "Symbol mit Aussicht. Die Geschichte des Berliner Fernsehturmes" (VERLAG FÜR BAUWESEN, 2. Aufl. 2000). ISBN-Nr. 3345007614

 

 


 

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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net