Kunst als Anstandswächter

 

Muss man sich von moderner Kunst eigentlich alles gefallen lassen? New Yorks Bürgermeister Giuliani jedenfalls beantwortete diese Frage mit einem klaren Nein. Er beschloss dem Mangel an Sittsamkeit in der modernen Kunst den Kampf anzusagen.

 

Dass moderne Kunst nicht immer anständig ist, wissen wir schon lange. Ist es nicht sogar die Aufgabe von Kunst, und von moderner insbesondere, den Betrachter zu provozieren und zum Nachdenken und vielleicht auch Widerspruch anzuregen?

Wie wirksam solche Herausforderungen immer noch sein können, zeigte jüngst die Reaktion auf eine New Yorker Kunstausstellung des Brooklyn Museum of Art mit Fotografien schwarzamerikanischer Künstler ("Committed to the Image: Contemporary Black Photographers,"). Stein des Anstoßes war ein Bild der Künstlerin Renee Cox, welches die Abendmahlsszene darstellt, wobei sie selbst als nackter weiblichen Jesus umgeben von schwarzen Jüngern posiert ("Yo Mama's Last Supper").

New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani fand dies in keiner Weise komisch: in seinen Augen brachte diese Blasphemie das Fass zum Überlaufen, zumal dies nicht das einzige Mal war, dass dieses Museum ihm negativ aufgefallen war. Er plant die aus öffentlicher Hand geförderten New Yorker Museen und Galerien von nun an zu zensieren und kündigte an, er werde zu diesem Zweck eine "Kommission für Anstand" berufen.

Cox reagierte kühl: Warum soll nicht eine Frau Jesus sein Können? Die katholisch erzogene Künstlerin will mit ihren Bildern die katholische Kirche kritisieren, die Frauen immer noch benachteiligt und zum anderen den Schwarzen ein Bild geben, die sonst in der christlichen Kunst nicht vorhanden seien.

Im Grunde sind ihre Bilder auch gar nicht so schockierend. Für Cox ist der nackte menschliche Körper ein Kunstwerk an sich, dessen Ausstrahlung sie in ihren Bildern in Szene setzen will. Dabei posiert sie immer wieder mit ihrem eigenen Körper. Ihre Bilder sind Ausdruck eines strotzenden Selbstbewusstseins. Darin liegt auch das provozierende ihrer Bilder. Sie zeigt sich als Frau und als Schwarze in einer Weise, dass sich der Betrachter automatisch klein fühlt neben diesen monumentalen Körpern. "Meine Bilder haben nichts mit Sex zu tun", sagt sie, sich nackt zu fotografieren sei für sie "die reinste Art, Dinge zu machen."

Giulianis Vorgehen rief breite Empörung hervor. Dabei musste er sich sogar den wenig schmeichelhaften Vergleich mit dem Umgang mit "Entarteter Kunst" im Dritten Reich gefallen lassen.

Dass sein Verhaben von Erfolg gekrönt sein wird, ist aber zweifelhaft. Denn Giulianis Verstoß kommt einer Kampfansage an die Bildende Kunst gleich, und die wird sich das wohl kaum gefallen lassen. Schließlich hat es in der Kunstgeschichte schon weit schlimmere Sachen gegeben als Cox "Abendmahl", die man heute in Hochglanzbildbänden abgebildet findet. Und Renee Cox wird die ganze Angelegenheit wohl mehr nützen als schaden. Ihr Bekanntheitsgrad jedenfalls sollte in den letzten zwei Wochen in die Höhe geschnellt sein.

 

Links

Renée Cox is Back and Boomin' (engl.)

Salon.com, Using her body (engl.) Mit Foto-Galerie und Interview.

African Americans, Afrika in den USA: Kunstprojekte, Veranstaltungen

Brooklyn Museum of Art

 

Wussten Sie schon ...

dass die Ausstellung "Entartete Kunst" von 1937 eine der meist besuchten Ausstellungen überhaupt war?

Die Ausstellung wurde am 19. Juli 1937 in München in den Räumen der Gipssammlung des Archäologischen Instituts eröffnet. Danach tourte sie bis 1941 noch durch mehrere andere deutsche Städte. Insgesamt zog sie dabei 3 Millionen Besucher an. Die Ausstellung war ein Höhepunkt der Verfolgung moderner Kunst und Kultur. Durch die Art der Hängung und erniedrigende Kommentare wurden die Bilder als "entartet" und "krankhaft" diffamiert. In ähnlicher Weise wurden auch Schriftsteller und Musiker durch im Nationalsozialismus verfolgt.

 

 


 

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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net