Serie 4: Die Kunst des Leonardo da Vinci
Teil 3: Das Geheimnis der Mona Lisa

 

Kein Bild der abendländischen Kunstgeschichte hat die Phantasien so angeregt wie die Mona Lisa und kein anderes Kunstwerk ist so häufig reproduziert und verfremdet worden. Was ist aber eigentlich so besonderes an diesem Portrait, das die allgemeine Faszination rechtfertigt?

 

Der mysteriöse Schleier, der die Mona Lisa umgibt, beginnt schon mit den Umständen ihrer Entstehung. Es ist weder bekannt, wer die Portraitierte ist noch wann und unter welchen Umständen das Gemälde ausgeführt wurde. Dieser Umstand bot den Nährboden für die wildesten Spekulationen. Kunsthistoriker haben sogar schon angezweifelt, dass das Portrait überhaupt eine Frau darstellt, oder ob es nicht vielleicht sogar ein androgynes Selbstportrait Leonardos sei.

Wahrscheinlich entstand das Gemälde in Leonardos späterer Schaffenszeit in Mailand (1506-1515). Die Bezeichnung Mona Lisa stammt von Giorgio Vasari, nach dem das Bild Mona Lisa, die Frau des Florentiner Seidenhändlers Francesco Giocondo, darstelle, was jedoch angezweifelt werden darf. Wer auch immer das Gemälde jemals in Auftrag gegeben haben mag, hat es jedenfalls wahrscheinlich nie erhalten: das Bild befand sich nämlich bis kurz vor Leonardos Tod in dessen Besitz.

Für die besondere Faszination des Gemälde wird vor allem ihr sprichwörtliches geheimnisvolles Lächeln angeführt. Tatsächlich wird das Bild von einer eigenartigen Aura umgeben, deren Ursachen man bei genauerer Untersuchung in der besonderen Maltechnik Leonardos sehen kann.

Wie kein anderes Gemälde verkörpert die Mona Lisa perfekt Leonardos Konzept von der Einheit von Wissenschaft und Kunst. Leonardo war der Meinung, dass ein Künstler über die Beschaffenheit der Natur genauestens Bescheid wissen müsse, um sie in seinen Bildern überzeugend abzubilden. Andererseits wäre die Kunst in der Lage, Naturzusammenhänge einleuchtend und universal verständlich darzustellen.

In der Mona Lisa spiegeln sich vielleicht Leonardos Überlegungen zum Phänomen der Zeit. Nichts in Gestik oder Mimik der Mona Lisa ist dauerhaft, dargestellt wird die Veränderung von einem Moment zum andern. Ihr unbestimmter Gesichtsausdruck mit der vagen Andeutung eines Lächelns lässt eine rätselhafte Wirkung entstehen.

Doch dies ist noch nicht alles. Leonardo da Vinci beschäftigte sich in seinen letzten eigenhändigen Werken besonders mit der optischen Wirkung auf den Betrachter und versuchte, der Wirkung der Dreidimensionalität nahe zu kommen. Grundlage war die Beobachtung, dass räumliche Eindruck des Sehens durch binokulare (zweiäugige) Sehen hervorgerufen wird - diesen Eindruck versuchte Leonardo in der Mona Lisa zu simulieren.

Leonardo benutzte zum einen das sfumato, eine Verschleierung der dargestellten Konturen, für Gegenstände im Bildvordergrund, wodurch die Mona Lisa leicht unscharf erscheint. Er begründete dies auf seine Beobachtung, dass beim binokularen Sehen, die Augen in leicht verschiedenen Winkeln auf den Gegenstand gerichtet sind und daher zusammen bei nahen Gegenständen ganz leicht unscharfe Konturen abgeben.

Zum zweiten Darstellung der Mona Lisa gleichzeitig aus zwei leicht unterschiedlichen Blickwinkeln, um somit den Effekt des binokularen Sehens nachzuahmen (die Mona Lisa sozusagen gleichzeitig mit dem rechten und dem linken Auge gesehen), wodurch Leonardo die größt mögliche plastische Wirkung erreichen wollte.

Wahrscheinlich ist in der Mona Lisa letztlich gar keine wirkliche Frau dargestellt - mit großer Wahrscheinlichkeit sieht es zumindest dem Modell nicht sonderlich ähnlich. Vielmehr erscheint sie als ein "Idealportrait", oder das ideale Bild schlecht hin, in dem sich Kunst und Wissenschaft zu einer perfekten Wirkung vereinen.

Ob damit das Geheimnis der Mona Lisa aufgelöst ist? Natürlich nicht. Und es ist auch noch längst nicht alles gesagt über das berühmteste Bild der Welt. Wir dürfen also unsere Phantasien ruhig weiter kreisen lassen...

 

Links

Mona Lisa
Eine gute Beschreibung und einige weitere interessante Informationen zum Gemälde finden sich auf dieser Webpage zur Mona Lisa.

Mona Lisa
Eine weitere interessante Seite zur Mona Lisa, die auch Informationen zu Leonardo da Vinci und eine Literaturliste enthält.

Mona Lisa
Noch eine Seite zur Mona Lisa, die zudem verschiedenen Links enthält.

Mona Lisa
Ein Zitat von E.H. Gombrich zur Mona Lisa bei artchive.com.

 

Wussten Sie schon,

dass die Mona Lisa 1911 aus dem Louvre gestohlen wurde?

Den Diebstahl verübte der italienische Spiegelmacher Vincenzo Peruggia, der im Louvre einige Arbeiten auszuführen hatte und das Bild dabei heimlich mitgehen ließ. Das berühmte Gemälde tauchte erst zwei Jahre später wieder auf, als es Peruggia im Kunsthandel anbot. Als Motiv gab er an, er habe aus patriotischen Gründen gehandelt und wollte das Bild wieder in seine Heimat überführen.

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net