Serie 2: Kunstwerke erzählen Geschichte
Teil 4: Die Naumburger Stifterfiguren

 

Das Gesicht der Uta aus dem Naumburger Dom gehört zu den bekanntesten der westlichen Kunst - und auch wenn sie sich an Berühmtheit nicht ganz mit der Mona Lisa messen kann, so ist sie doch mindestens genauso rätselhaft. Um sie und die anderen elf lebensgroßen Stifterfiguren im Westchor des Domes ranken sich die wildesten Geschichten und Spekulationen. Jahrhunderte lang völlig vergessen, dann Stoff für kitschige Romane, im Nationalsozialismus zu Ikonen des Deutschtums hochstilisiert - welche tatsächliche Geschichte verbirgt sich nun hinter diesen steinernen Gesichtern?

 

Die zwölf Statuen, die, erhöht auf einem Podest, die Wände des Westchores säumen, bestehen aus acht Männern und vier Frauen. Man hat sie als Angehörige der Ekkehardinger und Wettiner identifiziert, der Familien, die über die Markgrafschaft Naumburg herrschten. Als der Naumburger Dom im frühen 13. Jahrhundert im frühgotischen Stil neu errichtet wurde, ließen wohl Angehörige der Wettiner zum Gedächtnis an ihre Vorfahren die zwölf lebensgroße Statuen aufstellen.

Besonders hervorstechend ist die Lebendigkeit und Realitätsnähe der Skulpturen, die mittelalterlicher Plastik ja häufig abgeschrieben wird. Jeder Figur ist ein anderer Charakter und eine individuelle Geschichte zugedacht. Einige Figuren haben dabei eine so drastische Ausdrucksweise, dass es nicht verwundert, wenn die abenteuerlichsten Geschichten über ihr Leben ausgedacht wurden.

So zum Beispiel einer der Herren im Chorpolygon: ängstlich duckt er sich hinter seinen Schild als wolle er sich verstecken. Auf diesem steht auf lateinisch die Inschrift: "Dietmar, der Graf, der erschlagen wurde". Andere Figuren entsprechen eher bestimmten idealen Charaktertypen: so die unnahbare Uta, der starke Ekkehard, die huldvolle Reglindis und der höfische Hermann.

Die Figuren sind einem außergewöhnlichen Bildhauer und seiner Werkstatt zu verdanken, dem die Kunstgeschichte den Notnamen "Naumburger Meister" gegeben hat. Seine Werke gehören zu einer kurzen Epoche der deutschen Kunst in der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert, in der einige außergewöhnlich lebensnahe und ausdrucksstarke Plastiken geschaffen wurden (andere Beispiele befinden sich in Bamberg und Straßburg).

Diese individuelle Strömung in der gotischen Plastik wird meist mit dem Erstarken der Städte und einem damit verbundenen bürgerlichen Selbstbewusstsein sowie einer wachsenden Bedeutung von Individualität erklärt. Man muss jedoch beachten, dass diese neue Realitätsverbundenheit der Plastik nicht etwa nahtlos in die Renaissance übergeht, sondern nur erst einmal nur eine Randerscheinung in der gotischen Kunst darstellt.

Trotz dieser Individualisierung dürften die Figuren mit ihren historischen Vorbildern wenig gemein haben. Die Personen, die hier so lebensecht dargestellt sind, waren zum Zeitpunkt ihrer Porträtierung nämlich schon bis über zwei Jahrhunderte tot. Trotzdem hatte man offenbar versucht, ihre Abbilder so unverwechselbar wie möglich darzustellen.

Der Grund mag darin gelegen haben, dass man das Angedenken an die verstorbenen Personen möglichst lange aufrecht erhalten wollte. Das Totengedächtnis, die Memoria, spielte nämlich im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein ein große Rolle. Da jeder Mensch sündig war, musste für seine Seele nach dem Tod eifrig gebetet werden, damit er, von den Qualen des Fegefeuers erlöst, in das Paradies aufsteigen konnte.

Dazu durfte natürlich der Name und die Identität des Toten keinesfalls vergessen werden, weswegen es lange Listen gab, in denen die Namen von Verstorbenen über Jahrhunderte aufbewahrt wurden. Vielleicht gab man den Naumburger Figuren deshalb unterschiedliche Charaktere, damit man sie besser auseinanderhalten konnte. Bei den Figuren im Chorpolygon sind vielleicht auch bekannte Anekdoten dargestellt, die man mit den historischen Personen verband. Auch jemand der nicht lesen konnte, konnte "..., der erschlagen wurde" also schon an seinem Ausdruck identifizieren.

Letztlich werden die Geheimnisse um die Identität der Stifter und die Bedeutung des Figurenprogramms nie ganz gelüftet werden können. Sie zeigen aber, dass es Schwarz-Weiss-Malerei ist, von einem "individualitätslosen Mittelalter" von einer "Erwachen der Individualität in der Neuzeit" zu sprechen.

 

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Abbildungen zum Naumburger Meister

 

Wussten Sie schon,

dass man als normaler Kirchgänger bis zur Reformation Chorraum und Priester beim Gottesdienst in vielen Kirchen gar nicht sehen konnte?

In mittelalterlichen Kloster- und Stiftskirchen gab es nämlich einen Lettner, der den Laien im Langhaus den Blick auf den Chorraum verwehrte. Dies war eine steinerne Schranke, auf der an der Chorseite ein Podest angebracht war. Dort stand ein Geistlicher, der den Menschen im Langhaus übermittelte, was im Chor bei Messe gerade geschah. Daher kommt der Name Lettner, das heißt nämlich soviel wie "Lesepult".
Die Lettner waren an der Seite zum Langhaus zum Teil sehr aufwendig mit Geschichten aus der Bibel geschmückt - damit die einfachen Besucher der Messe auch etwas zu sehen bekamen. Leider sind die meisten Lettner nach der Reformation sowohl in reformierten als auch katholischen Kirchen abgerissen worden, denn die Laien hatten nun das Recht auch unmittelbar am Gottesdienst teilzunehmen. In Naumburg sind sogar zwei Lettner erhalten: einer im Osten und im Westen. Der berühmte Westlettner ist allerdings strenggenommen kein richtiger Lettner, denn im Westchor wurde ja nicht die Hauptmesse gelesen.

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net