Reichenau - ein besonderes Kulturzentrum des frühen Mittelalters

 

Umgeben von idyllischer Landschaft liegt auf einer kleinen Insel im Bodensee die ehemalige Benediktinerabtei Reichenau. Wo sich heute die Touristen tummeln befand sich vor 1000 Jahren ein kulturelles Zentrum des Abendlandes, von dessen Blüte heute noch erhabene Bauwerke und herausragende Kunstwerke zeugen. Wegen ihrer kulturellen Bedeutung wurde die Insel mit ihren drei Kirchen kürzlich in das Weltkulturerbe aufgenommen.

 

Die Benediktinerabtei auf der Reichenau wurde 724 durch den Wanderbischof Pirmin zur Bekehrung der Alemannen gegründet. In Folge profitierte das Kloster von der Politik Karl des Großen, der die Klöster als Inseln von Bildung und Kultur förderte, und sie als Stützpfeiler für die Verwaltung seines riesigen Reiches einsetzte. Auch unter den folgenden karolingischen und ottonischen Königen kam das Kloster in enge Berührung der Reichspolitik. Die Äbte, die häufig gleichzeitig Bischöfe waren oder weltliche Ämter inne hatten, kamen so zeitweise zu großem politischen Einfluß.

In dieser Zeit, zwischen ca. 800 - ca. 1050, kam es auf der Insel zu einer regen Bautätigkeit, während derer die drei Kirchen - das Marienmünster, St. Georg und St. Peter und Paul - entstanden. Ebenso entwickelten sich Buchmalerei, Literatur und Bildenden Kunst zu kultureller Blüte.

Die Kirchen sind allesamt von der ottonischen Architektur um 1000 geprägt, wobei ihre Gründungsbauten ins 8. und 9. Jahrhundert zurückgehen. Ein besonders Kleinod bildet die Georgenkirche in Oberzell, die etwas abseits vom Kloster gelegen war. Die dreischiffige Hallenbasilika wurde wahrscheinlich um 900 gebaut, aber im 10. Jahrhundert umgeformt. Die Besonderheit dieses frühottonischen Baus liegt vor allem in seinen Wandmalereien, die um 1000 angefertigt wurden.

Die Bildfelder auf Süd- und Nordwand zeigen die Apostel und Christus als Wundertäter. Es zeigen sich hier allgemeine Merkmale ottonischer Malerei, die durch den Verzicht auf die Darstellung körperlicher und räumlicher Perspektiven und eine klare Gliederung gezeichnet ist. Die Figuren schweben in einem zeitlosen, geordneten Raum vor flächigen Hintergründen. Die vergeistigten Körper sind in die Länge gezogen und einzelne Glieder expressiv verlängert.

Die Wandbilder der Georgenkirche stellen den umfangreichsten und bedeutendsten erhaltenen Zyklus ottonischer Wandmalerei dar. Von frühmittelalterlicher Wandmalerei ist heute nur noch sehr wenig erhalten. Einen Einblick in die Malerei kann hier eher die Buchmalerei vermitteln, die in jener Epoche einen bedeutenden Zweig der Kunst darstellte. Für die Buchmalerei war Reichenau im 10. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum, so daß man für die ottonische Zeit von der "Reichenauer Schule" spricht, deren Stil die Wandmalereien von St. Georg sehr ähneln. Allerdings wird neuerdings die Herkunft der dazugehörigen Codices aus Reichenau in Frage gestellt.

 

Links

Homepage für Reichenauer Kunst und Kultur
Private Seite von Frank Kuhn, Informationen zur Geschichte, Kultur und Kunst des Klosters auf der Insel Reichenau; sehr Umfangreich, mit Glossar zu Personen und Begriffen sowie eine Bibliographie und Infos zur Besichtigung.

Insel Reichenau
Mit kurzen Artikeln und Abbildungen zu den Klöstern (unter Weltkulturerbe), Artikel zur Geschichte der Bendiktiner-Abtei Reichenau und weiterführende Links zu den Sehenswürdigkeiten.

 

Wußten Sie schon...

dass mittelalterliche Kirchen ursprünglich meist ausgemalt waren?

Wenn das Innere der meisten mittelalterlichen Kirchen heute recht schlicht und kahl erscheint, so gibt dies einen falschen Eindruck von der ursprünglichen Raumwirkung. Dass Wände und sogar Pfeiler, Ornamente und Skulpturen früher bemalt waren, kann man manchmal noch sehen, wenn man die Augen offen hält. Übrigens waren auch andere Architekturepochen nicht so klassisch einfarbig, wie man meist denkt: Auch in der Antike sollen Gebäude und plastischer Schmuck sehr farbenfroh gewesen sein.

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net