Serie 2: Kunstwerke erzählen Geschichte
Teil 10: Für Volk und Vaterland. Das Völkerschlachtsdenkmal in Leipzig

 

Im Süden von Leipzig erhebt sich ein riesiger Koloss, dessen Bewertung den Leipzigern zur Zeit um so mehr Kopfschmerzen bereitet, da er nicht zu übersehen ist. Das größte Denkmal Europas, 1898 - 1913 zum 100-jährigen Gedenken an die Völkerschlacht bei Leipzig errichtet, entstand in einer Zeit, die vom Taumel nationaler Begeisterung erfüllt war. Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges, der alle bisher bekannten Kriege an Ausmaßen in den Schatten stellen sollte, wurde hier ironischer Weise einer Schlacht gedacht, die ihrerseits in ihrer Zeit eine bedrückende Superlative darstellte.

 

Die Völkerschlacht vom 16. bis 19. Oktober 1813 gehörte zu den wichtigsten Ereignissen, die zum endgültigen Untergang Napoleons in der Schlacht bei Waterloo führten. Die internationale Armee der Verbündeten besiegte hierbei vor Leipzig das Heer von Napoleon und erzwang somit dessen Rückzug und die Räumung der rechtsrheinischen deutschen Gebiete von französischen Truppen. In dem blutigen Kampf blieben von ca. 400.000 Soldaten mehr als 100.000 als Gefallene auf dem Schlachtfeld.

Für den entstehenden deutschen Nationalismus besaß diese Schlacht eine besondere Bedeutung. In dem Zusammenschluss der deutschen Partikularstaaten zur Vertreibung Napoleons und der Befreiung der rechtsrheinischen deutschen Gebiete sahen Patrioten die Konstitution des deutschen Nationalstaates. Schon bald nach der Schlacht forderten daher Anhänger des deutschen Nationalgedankens den Bau eines Denkmals zum Angedenken an das Ereignis.

Doch sollte es noch fast hundert Jahre dauern bis dieser Wunsch Wirklichkeit werden konnte. Viele Architekten lieferten in dieser Zeit Entwürfe für ein monumentales Denkmal, darunter auch Schinkel. Doch erst der 1894 durch den Leipziger Architekten Clemens Thieme gegründete "Deutsche Patriotenbund" konnte die erforderlichen Mittel für den Bau eines "Völkerschlacht - Nationaldenkmals" auftreiben, so dass man sich auf die endgültige Suche nach einem geeigneten Denkmalsentwurf machen konnte.

Dieser kam von dem prominenten Architekten Bruno Schmitz. Dessen Ziel war es, in dem Denkmal einen völlig neuen, originär deutsch-germanischen Stil zu begründen. Dies entsprach dem Geist des zeitgenössischen deutschen Nationalismus. Dessen Problem war seit je die geschichtliche Fundamentierung der "deutschen Nation" gewesen - schließlich hatte es nie wirklich einen deutschen Nationalstaat gegeben. Als konstituierendes Element der deutschen Nation erfand man daher das "deutsche Wesen", das man versuchte betont vom romanischen Westen abzugrenzen. Ein deutsches "Urbild" fand man in den Germanen, die als freiheitsliebende, tugendhafte "Wilde" sich hervorragend als Gegenpol zum "römischen" Westen eigneten und im 19. Jh. eine gewaltige Aufwertung erfuhren.

Im Zusammenhang mit diesem entstehenden völkischen Nationalismus suchte man auch nach einer originären "urdeutschen" Kunst, die man vor allem im Mittelalter fand, denn leider hatten die Germanen ja kaum nennenswerte Kunstwerke hinterlassen. Das Völkerschlachtdenkmal zeigt daher eine klare Abkehr von griechisch-lateinischen Vorbildern. Da es ja keine Vorbilder einer germanischen Architektur gab, griff Schmitz stattdessen auf die archaische ägyptische und vorderasiatische Baukunst zurück, deren Formen er aber so veränderte, dass die Vorbilder kaum noch erkennbar sind.

Das 91 m hohe Denkmal erhebt sich auf einem künstlich erhöhten Hügel auf einem pyramidenförmigen Sockel mit lange Freitreppen. Darauf steht der eigentliche, von einer Kuppel bekrönte, Bau, der im Inneren Krypta und Ruhmeshalle in einem beherbergt. Um das Denkmal herum wurde eine parkähnliche Anlage mit einem riesigen Wasserbecken geschaffen. Zum Denkmal gehört ein umfangreiches Skulpturenprogramm, bei dem ebenfalls eine klare Abkehr von antiken Vorbildern zu erkennen ist. Interessanter Weise entstand durch die Verwendung archaischen Formenguts und Abstrahierung bei verschiedenen Plastiken eine stilistische Verwandtschaft mit der expressionistischen Skulptur zum Beispiel Ernst Barlachs.

Das Denkmal wurde schließlich 1913 mit viel Pomp durch Kaiser Wilhelm II. eingeweiht. Dabei war der Kaiser selber von dem Denkmal gar nicht so begeistert, denn unter seiner Regierung hatte sich im Lager der extremen Nationalisten eine Opposition herausgebildet, die den Kaiser nicht mehr als Verkörperung des Nationalstaates sah. So war auch das Nationaldenkmal schlechthin, das Völkerschlachtdenkmal, nicht wirklich im Sinne des Kaisers. Wie schon bei seiner Entstehung stößt das Denkmal angesichts seines zweideutigen Symbolismus auch noch heute auf sehr widersprüchliche Empfindungen. Anbetrachts seines dringenden Sanierungsbedarf ist eine adäquate Auseinandersetzung mit diesem Kulturgut dabei dringender als je zuvor.

 

Links

Völkerschlachtdenkmal
Seite des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig mit einigen Fakten zur Baugeschichte.

Förderverein Völkerschlachtdenkmal

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net