Serie 2: Kunstwerke erzählen Geschichte
Teil 8: Der Traum vom Mittelalter. Horace Walpole's Strawberry Hill

 

An einem idyllischen Flecken an der Themse nahe London konnte man 1849-1876 das Fortschreiten eines überaus eigenartigen Baus bestaunen. Hier war der Politiker und Adlige Horace Walpole dabei, seinen neuerworbenen Herrensitz auf die eigentümlichste Weise zu einem altertümlichen gotischen Schloss auszubauen. Kein Wunder dass er dann später auch noch anfing Schauerromane zu schreiben.

 

Horace Walpole war in erster Linie Parteipolitiker, Sohn des berühmten Robert Walpole, der sich als Lordkanzler unter Georg I. und Georg II. einen Namen gemacht hatte. Erst in zweiter Linie, sozusagen als Hobby, betätigte er sich als Literat, Verleger und Baumeister - hätte man ihm zu Zeiten erzählt, dass er mit einem Schauerroman und einem skurillen gotischen Landhaus in die Geschichte eingehen würde, hätte er wahrscheinlich den Kopf geschüttelt.

Seinen Platz in der Literatur sicherte er sich 1764 mit seinem Werk "The Castle of Otranto", indem die Geister eines alten Schlosses die Protagonisten in Angst und Schrecken versetzen. Er begründete damit das Genre des Schauerromans, "gothic novel", wie es die Engländer nannten. Seinen Platz in der Architekturgeschichte begann er schon früher zu erobern mit dem Ausbau seines Herrensitzes Strawberry Hill, welches in gewisser Weise aus ähnlichem Material geschnitzt war.

Mit Strawberry Hill verwirklichte sich Horace Walpole eine private Traumwelt. 1749 kaufte er ein kleines Landhaus an der Themse in Twickham bei London und verbrachte die Zeit bis 1776 damit, sein Haus in ein "little gothic castle" umzubauen.

Durch An- und Ausbauten ließ Walpole eine asymmetrische, malerische Gebäudegruppe entstehen, die die gewachsene Anlage eines alten Baus imitierte. Die Einzelformen wurden sehr frei gewählt und nach rein dekorativen Gesichtspunkten aus verschiedenen Bauwerken und Stilabschnitten der Gotik zusammengesetzt. Walpole strebte nicht danach, sein mittelalterliches Traumhaus historisch korrekt zu gestalten, es ist ein verspieltes Phantasiegebilde, noch weit entfernt vom archäologischen Historismus späterer Zeit.

Anders als im übrigen Europa hatte die Gotik in England nie wirklich geendet. Als Ausdruck von Tradition und Würde überlebte sie vor allem im College- und Kirchenbau bis ins 18. Jahrhundert. Als Horace Walpole beschloss, seinen Herrensitz im gotischen Stil auszubauen, griff er also gar nicht so weit in die Stilkiste der Vergangenheit zurück. Neu war jedoch, wie die Gotik hier bewusst zum Programm gemacht wurde. Strawberry Hill gilt daher als erstes Beispiel des "Gothic revival" im Gegensatz zum "Gothic survival", dem Überleben gotischer Formen in der englischen Architektur.

Walpole bekannte sich mit seiner Stilwahl zum beginnenden Trend der Verehrung des Mittelalters, welches man als kulturell und ethisch intakt; männlich, edel und unverdorben betrachtete; eine Einstellung, die später in die Romantik überging.

Zum anderen setzte Walpole in seinem Bau erstmals ein neues Konzept der Ästhetik um, dessen Kernpunkte das Pittoreske und das Gefühlserregende waren, welches mittelalterliche Bauten am ehesten verkörperten. Strawberry Hill entsprach diesem Ideal, indem es zum einen voller Unregelmäßigkeiten war und zum anderen beim Betrachter verschiedene Gefühle, wie Schauer oder Behaglichkeit hervorrufen konnte.

Dies stand der traditionellen Gegenauffassung von Ästhetik als Harmonie und Ausgewogenheit gegenüber, welche zur selben Zeit durch den Trend des "greek revival", einer Widerentdeckung der griechischen Antike, bedient wurde. So unterschiedlich diese beiden parallelen Kunsttrends, der des Klassizismus und der Neogotik und Romantik auch scheinen möge, so sind sie doch Kinder der selben Zeit, die das menschliche Subjekt in den Mittelpunkt stellt: zum einen begabt mit der Macht der Vernunft; zum anderen als Individuum voll Emotionalität.

 

Links

The Friends of Strawberry Hill (engl.)
Webpage eines Vereins, der sich der Erhaltung von Strawberry Hill widmet. Hier findet man unter anderem auch Informationen für Besucher.

Walpole
Über Walpole, seinen Roman und Strawberry Hill, Rundfunkarbeiten für den Sender Freies Berlin:
"Träume waren mein liebster Weidegrund" - Über den Greueldichter und Erfinder des ästhetischen Privatmanns Horace Walpole (1717-1797), von Harry Timmermann.

 

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Vom ehrgeizigen Bauprojekt des Kölner Doms konnte im Mittelalter nur der beeindruckende Chor fertiggestellt werden, der 1322 geweiht wurde. Danach begann der Bau zu stocken und die Kathedrale blieb vier Jahrhunderte als gewaltiges Fragment stehen. Erst als man im 19. Jahrhundert im Zuge von Romantik und entstehender Denkmalpflege die Gotik wiederentdeckte, beschloss man den Bau zu vollenden. Westfassade, Langhaus und Querhaus mussten fast vollständig neu gebaut werden, wobei man versuchte, den Stil möglichst authentisch zu gestalten.

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net