Das Reich der Gärten - Dessau/Wörlitz

 

Kernstück der Kulturlandschaft "Dessauer Gartenreich" ist der Wörlitzer Park, der nicht nur die erste umfassende Verwirklichung des englischen Landschaftsparks auf dem europäischen Kontinent darstellt, sondern auch einige der frühesten klassizistischen und neogotischen Gebäude in Deutschland beherbergt.

 

Geistige Väter der Anlage waren der Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau und dessen Freund und Berater, der Architekt Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff. Beide waren auf ihre Art eigenwillige und innovative Köpfe. Der Fürst, der schon früh wegen seiner Auffassungen mit Preußenkönig Friedrich II. zusammenstieß, wollte mit der Parklandschaft sein aufgeklärtes Reformprogramm verwirklichen, durch das er sein kleines Fürstentum Anhalt-Dessau zum "Musterländchen" eines aufgeklärten Absolutismus gestalten wollte.

Bedeutender Einfluss für beide war die Kunst und Kultur des zeitgenössischen England, welches beide mehrmals besuchten. Beeindruckt wurden sie durch den englischen Geist für das Praktische, Bequeme und die Fähigkeit, das Schöne mit dem Nützliche zu verbinden. Dies war der steifen Hofkultur des spätabsolutistischen Europa eher fremd. Ebenso einflussreich war die Vorliebe der Engländer für die Kunst der römischen Antike, die gerade erst wiederentdeckt wurde. Der Autodidakt Erdmannsdorf traf hier auf die Architektur des englischen Palladianismus, der neben der klassischen italienischen Architektur und römischer Innenraumgestaltung wichtigstes Vorbild für seine eigenen Architekturschöpfungen werden sollte.

1764 begann man mit der Anlegung des Wörlitzer Parks und seinen zahlreichen Bauten, die sich bis 1800 hinziehen sollte. Nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten entstand ein Gesamtkunstwerk aus dem Zusammenspiel von Architektur und Gartenbau. Dem Betrachter wird dabei eine raffiniert inszenierte Landschaft vorgeführt, die trotzdem natürlich wirkt.

Gemäß den didaktischen Ansprüchen seiner Schöpfer, sollte der Park nicht nur erfreuen, sondern gleichzeitig auch belehren. Dazu dienten vor allem die verschiedenen Bauwerke mit Anklängen an die römische Antike, Menschheitsgeschichte und Philosophie. Sie sollten beim Betrachter bestimmte Assoziationen auslösen und zum Nachdenken anregen. Tatsächlich war der Park von Anfang an für jedermann geöffnet, wie übrigens auch das fürstliche Sommerschloss im Park, das Erdmannsdorf 1769-73 im frühklassizistischen Stil errichtete.

Der Park sollte nach englischem Vorbild aber auch einen nützlichen Aspekt haben: die zahlreichen Rasenflächen im Park wurden als Schafweide genutzt, Nutzbauten wie Schuppen und Wirtschaftsgebäude wurden nach außen hin in das Architekturprogramm des Parks einbezogen. Somit wurde der Park zu einer Manifestation aufklärerischer Ideale, die dem Betrachter auch noch heute vor Augen stehen.

 

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Wörlitz Information

Dessau-Wörlitzer Gartenreich

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über Welterbe-deutsche Welterbestätten

 

Wussten Sie schon...

dass das Wörlitzer Schloss von 1769-73 als erster wirklich konsequent klassizistischer Bau in Deutschland gilt?

Bauten, die sich der klassizistischen Formensprache bedienten gab es zwar in Deutschland schon früher. So baute Knobelsdorff schon 1743 das Berliner Opernhaus mit seiner klassizistischen Außenfassade. Doch während man beim Betreten der Hofoper noch von blühendem Barock empfangen wurde, bemühte sich Erdmannsdorff um einen geradezu archäologisch korrekten Klassizismus, der nicht nur die äußere Schale erfasst, sondern auch im Innenraum weitergeführt wird. Vorbild waren ihm dabei englische Innenarchitekten, wie Robert Adams, sowie pompeijanische Wandmalereien.
Ein sehr schönes Beispiel seines Schaffens kann man übrigens in dem kleinen Schlösschen Luisium bei Dessau, nicht weit von Wörlitz, bewundern.

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net