Nachruf auf ein großes Gebäude

 

Am letzten Dienstag, den 11. September, zerfiel ein Wahrzeichen von New York in Schutt und Asche. Innerhalb weniger Stunden machten Terroristen das einst stolze Symbol des Welthandels und eines der größten Gebäude der Welt zu einem Grab für Tausende von Menschen. Anlass für einen Rückblick auf die "Biographie" des World Trade Center.

 

Der Bau eines Zentrums für den Welthandels in New York war schon seit dem Zweiten Weltkrieg im Gerede, bis schließlich die Port Authority von New York Ende der fünfziger Jahre beschloss, das Projekt umzusetzen. Auf einem 16 acre großen Gelände im Westteil Manhattans sollte ein gewaltiges Bürogebäude mit 12 millionen qf (ca. 1,5 Mill. m²) Bürofläche entstehen.

Mit Minoru Yamasaki wählte man für die Ausführung des Riesenprojekts einen weniger bekannten Architekten, der zudem bisher eher mit Gebäuden bescheidenen Ausmaßes aufgefallen war. Kein Anhänger puristischer Glastürme, wie sie ein Mies van der Rohe vorgab, war er zudem dafür bekannt, die Fassaden seiner Gebäude in einer Art "Maßwerk" aufzulösen.

Eine Welt in zwei Türmen
Yamasakis Entwurf war dann auch einigermaßen ungewöhnlich. Er spaltete das Hauptgebäude in zwei fast identische Türme, die er nebeneinander vor einer großen offenen Fläche platzierte. Jeder der Türme bestand aus einer denkbar einfachen kubischen Form, die allein durch ihre Höhe von 1362 und 1368 f (ca. 450m) imponieren sollten.

Um die Strenge der Gebäude in der Oberfläche etwas aufzubrechen, überzog sie Yamasaki mit einem feinen Gitterwerk, welches seine Inspiration in gotischem Maßwerk nicht verleugnen konnte. Letzteres wurde vor allem im Erdgeschoss deutlich, wo die vertikal verlaufenden Rippen in hohe, spitzbogige Fenster übergingen.

Dieses Oberflächenkonzept stand ganz im Gegensatz zu den damals üblichen Glaskästen der meisten Hochhäuser. Nur 30% Prozent der Zwillingstürme bestand aus Fensterfläche. Dazwischen befanden sich mit einer Aluminiumlegierung beschichtete Säulen, die einen warmen Farbeffekt abgaben.

"Perle der Ingenieurkunst"
Hinter dieser ästhetischen Wirkung stand ein geniales Ingenieurskonzept. Anders als bei den üblichen Hochhäusern, deren äußere Haut wie ein Vorhang an einem inneren Kern aufgehängt waren, besaß das äußere Skelett der Zwillingstürme eine tatsächliche Tragefunktion. Da ein Teil der Stützen somit nach außen vor die Fassade verlegt waren, konnte man im Gebäudeinneren Stützen einsparen und gewann somit eine Menge zusätzliche Bürofläche.

Eine weitere platzökonomische Innovation war die Verteilung der Fahrstühle: Statt viele kleine Fahrstühle einzurichten, brachten große Expresskabinen die Fahrgäste auf verschiedenen Ebenen, von wo aus man dann mit kleineren Fahrstühlen in das gewünschte Stockwerk weiterfahren konnte - ein Konzept, das Schule machte.

Ein New Yorker Wahrzeichen
Yamasakis Bau fand nach seiner Vollendung 1976 viele Kritiker. Der Bau wirke einschüchternd und wenig menschenfreundlich und nehme zu dem keinerlei Rücksicht auf die umgebende Bebauung. Tatsächlich ignorierte Yamasaki mit seinem Projekt die bestehende New Yorker Skyline völlig. Erst durch den Bau des benachbarten World Financial Centers (1985-92) durch den Architekten Cesar Pelli gelang es, die alles überragenden Türme in die Skyline zu integrieren.

Trotz aller Kritik wurden die Zwillingstürme jedoch bald zu einem New Yorker Wahrzeichen, was aus Manhattan nicht mehr wegzudenken war. 1985 wurde der Komplex durch fünf weitere Gebäude aus dem Büro Emery Roth & Sons vervollständigt. In seinem Innern versammelte er Firmen aus aller Welt, die sich hauptsächlich mit Finanzen, Versicherung, Transport und Handel befassten, wie auch Vertretungen ausländischer Regierungen.

Das World Trade Center wurde somit zum Symbol des Welthandels und für die Prosperität der Industrienationen. 50.000 Menschen gingen hier täglich zur Arbeit, darunter viele herausragende Köpfe. Schon die Bombenattentäter von 1993 wussten also genau, was sie angriffen. Ihr Werk wurde nun grausam vollendet.

Nachwort
Minoru Yamasaki musste das furchtbare Ende seiner Schöpfung nicht mehr miterleben, er starb 1986. Seine über sein Werk geäußerten Gedanken, bekommen angesichts der jüngsten Ereignisse einen besonders nachdenklichen Unterton:

"World trade means world peace and consequently the World Trade Center buildings in New York ... had a bigger purpose than just to provide room for tenants. The World Trade Center is a living symbol of man's dedication to world peace ... beyond the compelling need to make this a monument to world peace, the World Trade Center should, because of its importance, become a representation of man's belief in humanity, his need for individual dignity, his beliefs in the cooperation of men, and through cooperation, his ability to find greatness."

["Welthandel bedeutet Weltfrieden und konsequenter Weise hat das World Trade Center in New York einen höheren Zweck, als einfach nur Mietfläche bereitzustellen. Das World Trade Center ist ein lebendes Symbol für das Streben des Menschen nach Weltfrieden Jenseits der zwingenden Notwendigkeit, es zu einem Denkmal des Weltfriedens zu machen, sollte das World Trade Center auf Grund seiner Bedeutung zu einer Verkörperung des Glaubens der Menschen in Humanität, seines Bedürfnisses von individueller Würde, seines Glaubens in die Zusammenarbeit der Menschheit und durch diese Zusammenarbeit, seiner Fähigkeit, Größe zu finden, werden." Freie Übersetzung der Autorin]

Artikel vom 17. Spetember 2001, Ulrike Johnson

 

Links

Minoru Yamasaki (engl.)
Kurzinformationen über Gebäude und den Architekten Minoru Yamasaki, Grundriss, 3D Modell und verschiedenen Photos.

The World Trade Center is Destroyed (engl.)
Informationen und Fotos zum Komplex und Stadtplaende.

Artikel zum World Trade Center auf den Seiten des "Skyscraper Museums" (engl.)

Fotos zum World Trade center
Enthält auch weitere Fotos zum Gebäuden von Yamasaki.

World Trade Center
Virtuelle Tour und Informationen.

Fotos
Photos von Dale Sorenson, 10 Tage vor der Zerstoerung aufgenommen, zeigen das World Trade Center innerhalb der Manhattan skyline.

 

 


 

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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net